Zeitgeist oder Notwendigkeit

- Nach fast 60 Jahren haben sich die Stadt München und der bayerische Staat entschlossen, nicht nur mit möglichst unsichtbaren Gedenktafeln und Mahnmalen an die "Hauptstadt der Bewegung" zu erinnern, sondern auch mit einem richtigen Dokumentationszentrum. Eine Forderung, die sich unter anderem an den baulichen Gegebenheiten entzündet hat (Initiative: Chef des Architekturmuseums Winfried Nerdinger).

<P>Vieles ist geschleift, überbaut, umgewidmet und vergessen worden, aber es gibt eine "Topografie der Opfer" und eine "des Terrors". Wie so ein Erinnerungsort aussehen, was er zeigen soll und wie, möchte ein zweiteiliges Symposion klären, das das Kulturreferat und die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit veranstalten. Der erste Teil, der sich mit den Inhalten beschäftigt, läuft noch diesen Samstag, 10 bis 16 Uhr, im großen Saal des Stadtmuseums. Der zweite wird am 16./17. Januar im Gasteig stattfinden (jeweils freier Eintritt). Mit Vorträgen von Natan Sznaider (Soziologe, Uni München) und Gavriel Rosenfeld (Historiker, Uni Fairfield) wurden die Arten des Erinnerns und Verdrängens reflektiert. Während sich Sznaider auf spezielle Gruppen beziehungsweise das Weltgedächtnis bezog, machte Rosenfeld die Erinnerung an der Münchner Stadtentwicklung fest, was recht gut in den "Topografie"-Kontext passt. Er konstatierte vor allem das Auslöschen von Kriegsspuren. Das bestätigt die Tatsache der offiziellen Ignoranz der Nazizeit gegenüber.</P><P>Auch wenn OB Christian Ude, der neben Kultusministerin Monika Hohlmeier die Begrüßungsworte sprach, um Verständnis für seine Vorgänger bat. Aber die Entschuldigung gilt nur für die unmittelbare Nachkriegszeit. Deswegen kann man den Münchner Publizisten Richard Chaim Schneider verstehen, der bissig die "Erinnerungskultur" analysierte: "München schließt sich mit dem Dokumentationszentrum dem Zeitgeist an." Ein lediglich historisch arbeitendes Zentrum sei für ihn sinnlos. So eine Institution könne nur von Nutzen sein, wenn sie sich mit dem Antisemitismus heute - zu wenige protestierten gegen Möllemann - und dem brutalen Rassismus auseinander setzen wird.</P><P><BR>Den rein informativen Part im Symposion übernahmen David Clay Large (Historiker, State Montana Uni), Hans Günter Hockerts (Uni München), Volker Dahm (Institut für Zeitgeschichte, Dokumentation Obersalzberg, Gutachter fürs Zentrum), Hans-Michael Körner (Didaktik für Geschichte) und als exzellenter Kenner der Münchner "Topografie des Terrors" Winfried Nerdinger. Spannend zu hören, wenn auch das meiste bekannt ist, wie das münchnerisch-bayerische Gewebe von Links und Rechts Hitler ab 1919 zunächst trug, stark werden ließ und dann versuchte, ihn auszubremsen. So sieht Hockerts in der Titelzuweisung "Hauptstadt der Bewegung" eine Kampfansage an die Stadt, die sich ab 1925 lieber föderalistisch und monarchistisch orientiert hatte. Hitler habe "alte Identitätslinien der Stadt" ausradieren wollen. Erschütternd zu hören, wenn auch ebenso bekannt, wie allgegenwärtig Antisemitismus (auch in der Bohè`me) vor 1933 war: unabhängig von den Nazis, wie Large nachweist ("Hitlers München 1918- 1933"). </P><P>"Warum gerade München - Die Bedeutung der Stadt für die NSDAP" (Hockerts), "Schaltzentrale München - Die Bedeutung im Gefüge der nationalsozialistischen Herrschaftsmittelpunkte" (Dahm) sowie "Die Gleichschaltung Bayerns" vertieften die Sicht auf München als NS-Nährboden beziehungsweise Barriere (sozialistische Arbeiterschaft, katholisches Milieu). Nerdinger machte das wiederum an den Bauten, den "dauerhaften Dokumenten" fest. Im Dokumentationszentrum, das nach seiner Ansicht auf dem Grundstück des geschleiften Braunen Hauses an der Brienner Straße beim Königsplatz gebaut werden sollte, müssten alle Informationen über die NS-Gebäude in ihrem Kontext zusammengeführt werden. Die Betrachtung einzelner Häuser bleibe ohne Aussagewert; erst das Netzwerk aus Nazi-Repräsentations-, Militär-, Industrie-, Siedlungsbau und Zwangsarbeiterlagern ermögliche eine echte Erkenntnis.</P><P><BR>Referate und Diskussionsbeiträge haben jetzt schon gezeigt, das es eine beängstigende Vielfalt von Erwartungen an das Zentrum gibt. Sie zufrieden zu stellen, dürfte unmöglich sein. Wer dafür das Konzept entwickelt, muss mutig und unbeirrbar sein. Auf der "Gegenseite" sollten Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Kulturverwaltung und die Nutzer ebenfalls mutig und vor allem großherzig sein: Fehler sind erlaubt; so ein Zentrum ist keine in Stein gehauene Gesetzestafel, sondern ein sich wandelndes Argumentations-Gefüge. Wenn die Münchner Politik wieder diktatorisch-ängstlich die Bürger entmündigt wie bei der kurz vor der Eröffnung abgeblasenen Ausstellung im Stadtmuseum zur NS-Zeit, dann wird der angestrebte Ort des Lernens und Lebens eine Totgeburt.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Man kann ihn als verrucht und verdorben abtun, man kann allerdings auch die Schuld ein Stück weit bei den Opfern Don Giovannis suchen - so wie es Regisseur Herbert …
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Lyriker Jan Wagner erhält Georg-Büchner-Preis
Die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland geht 2017 an einen Lyriker: Jan Wagner (45) erhält den diesjährigen Georg-Büchner-Preis.
Lyriker Jan Wagner erhält Georg-Büchner-Preis
Filmfest-Chefin Iljine: „Das ist die Krönung“
Am Donnerstag beginnt in der Landeshauptstadt zum 35. Mal das Filmfest München. Wir sprachen mit Chefin Diana Iljine über ihr persönliches Highlight - und die Zukunft …
Filmfest-Chefin Iljine: „Das ist die Krönung“

Kommentare