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Landei liebt Bardame: Benjamin Sommerfeld (Ritchie) und Sabrina Weckerlin (Stella).

„Bussi – Das Munical“

Den Zeitgeist zelebrieren

München - Premiere der Gärtnerplatztheater-Produktion: Andreas Kowalewitz gestaltete musikalisch genial „Bussi – Das Munical“.

Das wäre ja noch schöner, einfach so in ein Musical über die Münchner Clubszene der Achtzigerjahre zu marschieren. Eintrittskarte reicht nicht, man muss am unerbittlichen Türsteher Schorsch vorbei. Ein Einstiegsgag, und weil es so unmenschlich heiß ist in der vollen Reithalle und Schorsch ein harter Hund, stellt sich schnell diese Atmosphäre aus Masochismus und Verzweiflung ein, die in München Bestandteil des Szene-Daseins ist. Wenn man das „Bussi“ dann doch – mittlerweile klatschnass – betreten darf und der Türsteher dazu „Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht“ singt, lässt das auf einen lustigen Abend mit dieser Gärtnerplatztheater-Produktion hoffen.

Thomas Hermanns wollte mit seinem „Munical“ erklärtermaßen das sagenumwobene Münchner Nachtleben der frühen Achtziger wiederauferstehen lassen. Keine Nostalgie-Revue sollte es werden, sondern eine richtige Geschichte mit Hits aus der Ära der „Neuen Deutschen Welle“ als dramaturgische Brandbeschleuniger. Das Lustige daran ist: Als nostalgische Revue ist „Bussi – Das Munical“ ein Volltreffer. Die Geschichte hingegen vom Landei Ritchie, das sich im sündigen Underground der Großstadt in die leicht abgewirtschaftete Bardame Stella verliebt – die zieht nur bedingt. Hermanns hat viele sehr schöne szenische Einfälle, wenn es darum geht das Flair zu reanimieren, diese eigenwillige Mischung aus Hedonismus, Naivität und einer Prise Größenwahn plastisch zu machen, die vor 30 Jahren die Szene in das damalige Glasscherbenviertel rund um den Gärtnerplatz lockte. Aber die Handlung bleibt letztlich eher sinnfrei.

Spaß hat man trotzdem an diesem vogelwilden Treiben in der Reithalle, denn es steckt Herzblut in diesem Projekt, angefangen von den Kostümen (Andreas Janczyk) bis hin zum Vokabular. Rettung des Abends ist aber die Musik. Andreas Kowalewitz hat bei den Stücken Wunder bewirkt. Bei aller Schwelgerei darf man nicht vergessen, dass diese Hits aus der Post-Punk-Phase nicht selten dünn waren. Die bestens aufgelegte Band hat das effizient mit Muskelmasse aufgepeppt. So umwerfend beispielsweise „Es geht voran“ von Fehlfarben auch gewesen sein mag, im Grunde lebte das Stück nur von einem herrlich minimalistischen Gitarrenriff. Daraus große Oper oder wenigstens gutes Musical zu machen, ist echtes Kunsthandwerk. Und auf die Idee, aus dem New-Wave-Hit „Goldener Reiter“ eine bewegende Ballade zu formen, muss man auch erst einmal kommen.

Dieses Lied ist der Höhepunkt des „Municals“ und der einzige Moment, in dem die verklärende Karnevalisierung der Achtziger echte Seele eingehaucht bekommt. Dass das oft Drogenwracks waren, einsame Existenzen am Abgrund, die da ihre innere Leere wegfeierten und schön soffen, das passt nicht zu einer heiteren Show mit Hits, die alle mitsingen können. Es ist auch nicht die Aufgabe eines Musicals soziokulturelle Überlegungen anzustrengen, sondern Freude zu verbreiten – und das gelingt „Bussi“.

Man sieht dem exzellenten Ensemble den Spaß an, diese Lieder zu singen und dazu zu tanzen. Insbesondere Enrico De Pieri zelebriert als dauertrunkene und zynische Transe Heli den Zeitgeist perfekt. Erkennbar hat Hermanns viel Gewicht auf diese Figur gelegt. Gegen Marianne Sägebrecht, die mit einem sehr kurzen, aber lautstark umjubelten Gastauftritt die bayerische Toleranz beschwört und es schafft, Szene-Freaks und Trachtler miteinander tanzen zu lassen, kommt auch De Pieri nicht an. Ob dieser Akt der Versöhnung zwischen Wesen der Nacht und des Tags Naivität ist oder Ironie, ist nicht zu bestimmen – denn in derselben Szene wird der Stachus als schönster Platz Münchens vorgestellt.

Wer als Zeitzeuge die „Neue Deutsche Welle“ miterlebt hat, kommt auf seine Kosten. Wenn man am Ende mit einer stampfenden Instrumentalversion von „Ich will Spaß“ rausgeschmissen wird, fühlt man sich wieder jung.

Zoran Gojic

Nächste Vorstellungen

heute und bis zum 10. Juli; Karten: 089/ 21 85 19 60.

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