Zeitlose Welt-Geschichten

- "Es ist eine Wiederentdeckung", betont Kurator León Krempel stolz. "Cornelius ist vergessen." Wer etwas über ihn wisse, assoziiere "verstaubte, trockene Kunst". Mit der Ausstellung "Die Götter Griechenlands - Peter Cornelius (1783-1867)" will das Münchner Haus der Kunst hingegen belegen, "was Cornelius für das 19. Jahrhundert, für die Kartonkunst bedeutet hat". Der später geadelte, gebürtige Düsseldorfer hatte nämlich nicht nur die Freskomalerei wiederbelebt, sondern auch die dafür als Vorlagen notwendigen Kartons - Zeichnungen im Format eins zu eins - zu einer selbstständigen Gattung entwickelt.

<P> Als Akademiechef in München und später in Berlin machte er schließlich damit Schule.<BR><BR>Kartons bis zu acht Meter breit</P><P>Für München ist diese Exposition besonders schön und wichtig, weil sie eine Ahnung davon gibt, wie die Glyptothek einmal wirklich ausgesehen hat. Nicht nur die antiken Götter waren bunt, wie jetzt die Glyptothek anschaulich demonstriert, sie selbst war es auch. Die Fresken, die Ludwig I., begeistert von den Ideen der so genannten Nazarener in Rom, in Auftrag gegeben hatte, überlebten den Krieg, wurden aber danach nicht geschützt, geschweige denn restauriert. </P><P>Einige kleine Fragmente erzählen jetzt im Haus der Kunst von der heiteren Farbigkeit und von viel Spielwitz gerade bei den Ornamenten und schmückenden Putten oder Elfen. Die Kuratoren hoffen im Übrigen, dass die Ausstellung Besitzer alter Fotos, vor allem von Farbaufnahmen des Zustands vor der Zerstörung anregt, sich zu melden.</P><P>Imposant sind hingegen die Kartons, die Cornelius dem preußischen Staat überlassen hatte. Um sie herum wurde quasi die Alte Nationalgalerie gebaut: Im 19. Jahrhundert galt Peter Cornelius als einer der bedeutendsten deutschen Künstler überhaupt. Die zum Teil riesigen Formate - bis über acht Meter breit und fast fünf Meter hoch - konnten, aufwändig restauriert, nach München reisen. Danach ist die Schau in der Alten Nationalgalerie Berlin zu sehen. Beim Anblick dieser gigantischen Zeichnungen, die vollständig in Kohle, aber auch Bleistift und Feder ausgeführt sind, wird deutlich, dass sie Cornelius bereits als originäre Werke angelegt hat. Deswegen hatte er sie mit Wasserdampf und Alaun fixiert. Ein wirksames Mittel; doch wird gerade das Alaun (aus Schiefer gewonnen) durch seine Säure in der Zukunft das Papier zerstören.</P><P>Nur ein erster Entwurf, noch in Rom gemacht, ist eine richtige Werkstattvorlage. Danach tauchte Peter Cornelius von 1818 bis 1830 in Griechenlands Mythen ein, bestellt für zwei Glyptothek-Säle und ein Vestibül. Nachdem die Ägineten, die Giebelfiguren des Aphaiatempels, die beiden Trojanischen Kriege schildern, deutete der Maler die Szenen vom Untergang Trojas. Im zweiten Saal inszenierte er die Götter; dazwischen Prometheus.</P><P>Er wird als Ur-Künstler vorgestellt, der als stolzer Bildhauer seinen Menschen der Athena präsentiert. Die Schar der Götter sieht der Maler nicht nur als prächtige Gesellschaft, die sich um die Paare Zeus und Hera (Himmel), Poseidon und Amphitrite (Meer) sowie Hades und Persephone (Unterwelt) gruppiert, sondern auch als Ordnungssystem der Natur von Tageszeiten bis zu den Elementen. In Troja hingegen verdichtet sich exemplarisch die Not der Menschen. Kampf und Leid, Gewalt und Qual dominieren. Kompositorisches und emotionales Zentrum der jeweiligen Kartons sind Hekabe, die zuschauen muss, wie ihre Familie ausgerottet wird, und die Leiche Patroklos, die sakral überhöht wird: Die Darstellung zitiert die Grablegung Christi.</P><P>Bei all dem sollte man sich die Tradition barocker Fresken vergegenwärtigen, um zu erkennen, wie sich Peter Cornelius in Dynamik und Sinnlichkeit daran orientierte - und wie er seine eigene Kunst dagegensetzte: dramatisch, durchaus auch mal pathetisch, aber immer etwas verhalten, gezähmt; dann wieder zart und liebevoll, wenn Thetis und Peleus heiraten, oder komisch, wenn zum Beispiel ein Kopf des Kerberos gähnt und die anderen beiden schon schlafen. Jetzt können wir all diesen zeitlosen Welt-Geschichten so richtig nahe treten - obwohl die Kartons für München verloren sind: Ludwig I. hatte Peter Cornelius kaltgestellt, 1841 ging er nach Berlin.</P><P>10.9. bis 9. Januar 2005, Tel. 089/ 21 12 71 13, Katalog, SMB-DuMont, mit vielen literarischen Zitaten zu den Mythen: 48 Euro. Symposion zu Cornelius: 10.9. ab 9.30 Uhr.<BR><BR></P>

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