Die Zeitumstände bleiben unberücksichtigt

- Die Nachricht, dass die Schriftsteller Siegfried Lenz und Martin Walser sowie der Kabarettist Dieter Hildebrandt als 16-Jährige der NSDAP beigetreten seien, lässt die Wogen hochschlagen und wirft die Frage auf, wem solche "Enthüllungen" nutzen."Wie einen das anfällt ­ diese unbeschreibliche Anmaßung der Enkel." Schriftsteller Rolf Hochhuth ist empört. Darüber, dass heute, mehr als 60 Jahre nach Kriegsende, in Akten gewühlt wird einzig zu dem Zweck, die geistigen Heroen der jungen Bundesrepublik politisch zu verunglimpfen. Die Focus-Darstellung, nach der Walser, Lenz und Hildebrandt Mitglieder der NSDAP gewesen sein sollen (wir berichteten), unwissend, wie sie glaubwürdig versichern, ruft den streitbaren Dramatiker auf den Plan, der unserer Zeitung diesen Text schrieb.

Von Rolf Hochhuth

Wir Deutschen haben uns seit der Nazi-Zeit nicht geändert. Wir sind geblieben, was wir unter unserem Führer waren: Die Nation der Denunzianten...

Das Institut für Zeitgeschichte kann das Datum nennen: Hitlers Justizminister musste 1941 den Gerichten verbieten, Denunziationen nachzugehen, weil zu viele "Volksgenossen" ihre Volksgenossen unters Fallbeil bringen wollten!

Das holt jetzt jene Generation der Deutschen nach, die erst lange nach Hitlers Tod zur Welt kam, folglich absolut keine Gelegenheit hatte, seiner Partei beizutreten und daher ein reines, weil nie benutztes Gewissen hat.

Vor allem hat diese Generation keine Phantasie, sich vorzustellen, wie zum Beispiel einem 16- oder 17-Jährigen zumute war, wenn er Flakhelfer werden musste ­ ich komme auf dieses Beispiel, weil in der Berliner Morgenpost anlässlich der angeblichen "Parteigenossen" Hildebrandt, Lenz, Walser gegen die Flakhelfer in corpore so geschrieben wird, als müssten die sich rechtfertigen...

Als ich zwölf war, wurde die ganze Schule in die Aula bestellt, um die Eschweger Obersekundaner feierlich "an die Flakgeschütze zu verabschieden", mit Deutschland- und Horst-Wessel-Lied. 14 Tage später wurden abermals alle Klassen in die Aula befohlen: Gestern Nacht waren von diesen 23 Schülern 18 gefallen, weil ein britischer Bomben-Teppich in Kassel diese Jungen an ihren Flakgeschützen getötet hatte!

Liest man seit Sonntag die deutschen Zeitungen, so kann man kein Geschichtsbuch mehr für seriös halten: Denn so häufig die Fakten stimmen ­ die Zeitumstände, die mindestens ebenso wichtig sind, werden überhaupt nicht mitgeliefert. Nie wird gefragt, was ein 16- oder 19-Jähriger tun sollte, der zum Militär oder in die Partei "berufen" wurde. Hätte ein für die Partei oder SS "Auserlesener" sagen sollen: "Ich mag nicht"?

Mindestens in eine Strafkolonie statt in das reguläre Militär wäre er eingezogen worden; was bekanntlich Todesstrafe auf Zeit bedeutete. Die Jungen, die heute Artikel und Bücher schreiben, sind daran zu erinnern, dass 20-Jährige im Kriege einer "Gerichtsbarkeit" unterstanden, die 20 Bataillone, das sind 20\x0f000 Soldaten, zum Tode verurteilt hat ­ von denen mindestens 15\x0f000 tatsächlich ermordet wurden. Vergleichszahl: Die noch ehrenhafte kaiserliche Armee hat 1914/18 insgesamt 40 Soldaten hingerichtet. Eisenhower ließ im 2. Weltkrieg einen Amerikaner hinrichten. Churchills britische Armee keinen.

Dass wir Deutschen eingefleischte Denunzianten sind und uns jedes zweite, dritte Jahr den Spaß einer Hexenjagd auf namhafte Mitbürger machen ­ bedingen einander.

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