Die 26 Zellen von Sodom

- "Man soll sich nicht dem eitrigen, wahnsinnigen, verwesenden, vom blutigen Sperma der Gewalt tropfenden Schwanz des Totalitarismus widersetzen, man soll sich ihm mit Genuss und mit Gewinn für die Allgemeinheit hingeben", so Lenin. Wie ein Keil, in Versalien gesetzt, ragt sein Zitat in die Erzählung "Ein Monat in Dachau" hinein.

<P>Der Russe Vladimir Sorokin, der mit seinen schonungslosen Büchern immer wieder Aufsehen erregt, hat sich dem Totalitarismus dieser Erzählung lang hingegeben. Die Hauptfigur, der Dichter Sorokin, macht Urlaub im KZ, in 26 Zellen der Obszönität erlebt er 28 Tage von Sodom. </P><P>Anders als in Pasolinis schockierendem Film ist der Fokus nicht auf die Peiniger gerichtet, sondern auf ein Opfer dieses voyeuristischen Faschismus'. Stefan Hunstein hat sich diesem Fokus ausgesetzt. Schonungslos hat der Regisseur Hunstein den Schauspieler Hunstein als diesen Sorokin inszeniert.<BR><BR>"Alle großen Bauten stammen von ihm", knistert eine Stimme zu Beginn von einer historischen Tonaufnahme herunter. Eines der großen nationalsozialistischen Bauwerke ist das Haus der Kunst, in dessen Theater nun dieses KZ Raum greift. Feindlich starrt einen die Dunkelheit an, aus autoritär hohen, schwarzen Türen heraus, von mannshoch geschwärzten Wänden herab. </P><P>Nüchtern, am leeren Tisch auf kahlem Podest sitzend und lesend, beginnt Hunstein die schreckliche Reise. Bahnt sich klare Wege durch den dichten, schwer zu durchdringenden Text. Leidet, dass er bei seiner Reise nach Deutschland wieder den Streckenabschnitt über die Stirn verschlafen hat, auf dem riesigen, von Architekt Speer mitten in die Landschaft gebauten Antlitz Hitlers. Dafür nimmt der Dichter umso deutlicher die Ankunft am Schnurrbart war: das in Form gestutzte Braunau.<BR><BR>Bis jetzt: eine Lesung, in der Hunsteins Worte Form im Raum annehmen, fesseln, berücken. Angekommen in Dachau, lässt Hunstein auch seinen Körper von diesen Worten ganz erfassen. Mit dem überlauten Knacken eines Lichtschalters geht der Spot an, der dem Schauspieler jetzt Helligkeit ins Gesicht knallt. Protokoll der Vorgänge in den Zellen. Eine tiefgekühlte Frauenstimme nennt unerbittlich ihre Nummern. Von eins bis 26: Qualen, Peinigungen, Perversionen. Hunstein bewegt sich vom Tisch weg, wimmert, brüllt: von Pfropfen im Anus, der Angst zu Platzen, seinem Verrat an der Mutter.<BR><BR>Wie auf der Video-Projektion, in der er durch Überblendung seine angestammten Konturen verliert und neu schärft, hat er am Ende die erniedrigte Figur mit der Papiertüte auf dem Kopf verlassen. Neben ihrer Hülle ist er auferstanden als SS-Scherge, der Hochzeit feiert. Gnadenlos hat sich Hunstein in diese Metamorphose hineinbegeben. Gnade aber erweist er den Zuschauern: Auf eine stille, sehr genaue und kluge, schauerliche, doch behutsame Weise macht er sie zu Zeugen dieser Misshandlungen durch Totalitarismen aller Art.<BR><BR></P>

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