Zentrum des Gefühls

- Tanzchef Philip Taylor ist zäh. Und das ist hier nur positiv gemeint. Gegen mancherlei Kritik in der Vergangenheit, zum Beispiel die nicht ganz so gute Auslastungsbilanz, poliert er weiter an seinem schon wieder verjüngten BallettTheater München (BTM). Auch an seinem Repertoire. Und das mit immer mehr (nicht zuletzt budgetärem) Geschick. Die Stücke von Robert Cohan, dem berühmten Gründungsvater des britischen Modern Dance, und den jüngeren Tanzmachern Jennifer Hanna und Cobos & Mika ergaben jetzt im Gärtnerplatztheater eine euphorisch bejubelte "Modern Dance III"-Premiere.

<P>Taylors Tänzer in allen Handschriften - fantastisch. Und der Abend: interessant ausgewogen zwischen Cohans lyrisch modifizierter Martha-Graham-Moderne, der postmodernen Verhackstückt-Neoklassik von Cobos & Mika und dem zeitgenössischem Vortasten von Jennifer Hanna.<BR><BR>Ihr "Adama" von 2000 ist am schnellsten abgehandelt. Ähnlich wie in ihrer ersten Arbeit "Torn Stone and Hickup" (2002) für das BTM ist auch diesmal der Anfang viel versprechend: elf Männer in imposanten schwarzen Hosenröcken im ausgestreckten Kontakt mit der "Erde" (hebräisch: "Adama"). Die durch dumpf-schweren Trommelrhythmus markierte Komposition von Greg Smith baut eine gewisse Spannung auf. Das mönchische Feld zerstiebt in viele Richtungen. Körper fliegen - aber die Seele fliegt nicht mit. Nach wenigen Minuten sackt das, was Ritual sein soll, als handwerkliches Bemühen in sich zusammen, an dem sich die elf Männer schweißtreibend abarbeiten.<BR><BR>Von der Wache am Kreuz bis zum Amen</P><P>Dennoch hochlobenswert, dass Taylor Choreographen-Nachwuchs sucht - und riskiert. Man sieht den Tanzchef ja auf jeder Veranstaltung der freien Szene. Und von dort kommen auch die Spanierin Olga Cobos und der Slowake Peter Mika, die kalkulationsgewohnt auch Bühne, Kostüme & Licht (unterstützt von Wieland Müller-Hasslinger) entworfen haben. Beide tanzten u. a. bei dem Portugiesen Rui Horta, einem versierten Stil-Anverwandler. Wovon sie sichtlich gelernt haben. Ihr "One Hit Wonder" (2000) zeigt drei Paarbeziehungen: nicht nur in der sportiven Gleichberechtigung, wie sie Frankfurts William Forsythe gesellschafts-/ ballettfähig gemacht hat.<BR><BR>Diese Neo-Strindberg-Storys sind unter dem Motto "push" und "pull" (auf Rampenschild und als Rückwand-Projektion) auch noch durchwirkt mit unzähligen Clinches, Griffen, Lifts und Überall-Tatschern, die sich zwischen "drücken" und "ziehen" finden lassen. Und mit welchem Affentempo das zu Bach-Partiten für Solovioline über die Bühne rast. Grandios Katharina Neuweg, Hope Miller, Rita Soares, Gary Marshall und Alessandro Pereira. Aber so gejagt, dass sie zu Animationsfiguren ihrer selbst werden - was allerdings, leider, unsere Zeit spiegelt. Einzig Alan Brooks füllt Bewegung zumindest mit seiner skulpturalen Körperlichkeit.<BR><BR>Seele, Persönlichkeit, das war noch möglich 1975, als Robert Cohan sein Mariengedicht zu Vivaldis "Stabat Mater" choreographierte. Neun Tänzerinnen, eine davon Maria - ausdrucksstark ohne jegliches Pathos: Gesine Moog -, werden hier trauernde Körperstimme, von der Wache am Kreuz bis zum "Amen". Es ist ein verhaltenes Trauern, das, wenn auch lyrischer, genau wie bei Graham ganz aus der Körpermitte, dem Zentrum des Gefühls kommt.<BR><BR>Und überraschenderweise wirken die seitlich hochschlagenden Beine, die zum Himmel geöffneten, die "schaufelnden" Arme, dieses ganze Noch-Graham-Vokabular, gar nicht altmodisch. In seinen hochmusikalisch-intelligent sich entwickelnden Raumformationen, seinen so klaren stilisierten Körperlinien, seiner künstlerischen Reinheit ist es der absolute Gewinner des Abends.<BR><BR><BR></P>

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