Im Zentrum die Person

- Armut und Dreck, Unterdrückung und Aufbegehren, Liebe und Gewalt, Orangenbäume und Sanddünen - Jean Genets "Wände" umfassen ein brodelndes Nordafrika. Morgen hat das 1961 in Berlin uraufgeführte Drama, das 1968 unter der Regie von Hans Lietzau in München für Furore sorgte, in der Inszenierung von Dieter Dorn Premiere (Münchner Residenztheater). Sehr viel Personal wird die Bühne bevölkern - darunter Gisela Stein als Mutter und Jens Harzer als ihr Sohn Said. Ausgestattet hat das Werk, das das Bühnenbild im Titel trägt, Jürgen Rose, der als junger Mann bereits Lietzaus Gestaltung optisch geprägt hat.

<P>Sie hatten das Stück mit Lietzau erarbeitet. Wie sind Ihre Erinnerungen? <BR><BR>Rose: Wir haben in den letzten Jahren immer wieder, theoretisch, überlegt, "Die Wände" herauszubringen; dann hat es Dorn mal "richtig" gelesen . . . Ich hatte nur noch einige starke Bilder im Kopf: die Hoppe! Ein paar Kostüme. Aus dem Theatermuseum habe ich mir die Fotos kommen lassen. Genets Stück ist für die Zeit damals geschrieben. Es war politisch aktuell und ästhetisch aktuell. Er hat nach Sartre noch einen Punkt draufgesetzt. Und er hat genau beschrieben, wie die Bühne aussieht, wer was anhat. Die Zuschauer waren schockiert, alle Gräueltaten - abgehackte Hände, Vergewaltigung, Brände - auf eine Wand gemalt unmittelbar vorgesetzt zu bekommen. <BR><BR> Heute muss man die Ästhetik überprüfen. Die Simultanbühne mit den drei Ebenen, die Wände rein- und rauszufahren - das interessiert uns nicht mehr. Dieter Dorn wollte an Genet herangehen wie an Shakespeare: Alle Szenen sind wichtig. Wir haben immer mehr reduziert auf ein Einheitsbühnenbild hin, das Intimität hat. Egal was ist, die Person steht im Zentrum.<BR><BR>Das Stück heißt nach seinem Bühnenbild. Ist das eine besondere Verpflichtung?<BR><BR>Rose: Wir brauchen die Wände nicht unbedingt, aber sie sind da. Wichtig blieb, dass die Toten, durch die Mauern gehen können. Sie haben diesen Zustand erreicht. Das hat ja auch was Zirkushaftes - was aufs Zentrum zielt. Mich interessieren die Schauspieler viel mehr; ich will den Zustandsraum für sie finden. Es geht außerdem um ganz praktische Dinge, trotzdem müssen sie Poesie ausstrahlen: Wie charakterisiert man die Einheimischen, die Weißen?<BR><BR>"Die Wände" haben durch den Irak-Krieg und durch die Entführung der Touristen in Algerien eine neue Aktualität gewonnen. <BR><BR>Rose: Jeden Tag erfährt man das aus der Zeitung . . . Die Brutalität der Soldatenwelt: 1968 hatte man noch die Legionäre vor sich, heute schauen Soldaten überall gleich aus. Im Stück ist es genauso: Werden die Araber Soldaten, sind sie wie die anderen. Die Unterdrückten wollen das Gleiche haben wie die Unterdrücker. Aber es geht nicht um Aktualität, "Die Wände" sind wie eine Fabel, wie ein Märchen.<BR><BR>Genet schildert die Gewaltexplosion von Unterdrückten, von Außenseitern, ob nun bei den Moslems, ob bei den Ausgestoßenen der Dorfgemeinschaft. Er wertet aber nie, bezieht keine ethische Position.<BR><BR>Rose: Genet war leidend, wach beobachtend. Er hat aber die Armut hochstilisiert. Wir sind ja auch begeistert von den Farben in exotischen Ländern. Aber ich wollte, um Gottes Willen, keine Folklore. Musste jedoch Zeichen finden für die Unterschiede - und die Farbenfreude andeuten. Das Stück ist schwieriger als ein großer Shakespeare. Die Schauspieler brauchen Unterstützung durch den Raum. Man wird ohnehin überflutet von Bildern, etwa aus Afrika. Die müssen übersetzt werden: Die europäischen Schauspieler dunkel schminken? Das macht sie noch nicht zu Arabern. Eine Haltung muss gefunden werden. <BR><BR>Genet zelebriert einen Kult der Hässlichkeit - so wie die Hure Warda ihre Ausstattung ritualisiert, oder die "Schönheit" der Soldaten ausführlich herausgestrichen wird.<BR><BR>Rose: Wir waren da sehr vorsichtig, wollten nicht illustrieren. Ich habe vieles ausprobiert und vor allem dem Wort vertraut. Man muss nicht die Rotznase hinmalen, die muss der Darsteller spielen. Man muss helfen: Einerseits ist die Mutter extrem arm, ist ausgestoßen, andererseits erscheint sie am Anfang mit einem Tanz auf Stöckelschuhen - wie eine Königin . . . Oder wenn die Sterbenden die Brutalitäten an die Wand malen. Heute in Zeiten von Graffiti ist doch der Punkt: Wie werden diese Menschen ihre Aggression los? 1968 haben wir hingegen die Wand ganz an die Rampe gestellt, die Farbe spritzte auf die erste Reihe. Damals leisteten wir Pionierarbeit: Ich habe auf Müllhalden Schrott zusammengesucht und sie zu einer Collage verarbeitet.<BR><BR> Den Schock von 1968 gibt es nicht mehr; man kann nicht erwarten, dass die Inszenierung provoziert. Sie ist ein Prüfstein, ob Genet heute noch fünf Stunden trägt. Wir wollen die Zuschauer verführen, dass sie die Wand glauben. Es wird eine runde Geschichte. "Die Wände" sind ein großes episches Stück.<BR><BR>Der Tod hebt alle Kategorien auf - so wie die Wände für die Toten durchlässig werden. Zeigt Genet einen Totentanz in die Freiheit?<BR><BR>Rose: Er hat einen wichtigen Teil dem Tod gewidmet. Seine Papierwände sind eine tolle Erfindung. Wir haben diesen Abschnitt sehr wörtlich genommen. Genau getrennt. In diesen Menschen geht eine große Veränderung vor: Sie sind gelassen. Ich habe lange, lange überlegt, um dafür ein Zeichen zu finden. Die Lösung liegt im Licht. </P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger<BR></P>

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