Im Zentrum des Wundergartens

- Es ist schon kurios: McCarthys mächtige Aufblasblumen draußen sind noch nicht verwelkt, da springen innen, im Haus der Kunst, plötzlich ganz andere, zierlichere Knospen auf. Der ganze Ostflügel des Gebäudes wird von dieser fremden Schönheit durchwachsen, umschließt auch den Besucher. Und im Zentrum des Wundergartens hängt Nicolas Poussins Gemälde "Das Reich der Flora" (1631), auf dem als herrliche Allegorie für den Kreislauf des Lebens aus den Sterbenden Ajax, Narziss, Klytia, Krokos, Smilax, Adonis und Hyazinth Blumen erwachsen.

Das Auge des Besuchers wird verwöhnt

Wie lange würde sie wohl dauern, eine Reise zu den "Französischen Meisterwerken des 17. und 18. Jahrhunderts aus deutschen Sammlungen"? Nur ein paar Stunden. Denn die gleichnamige Ausstellung, welche aus Paris kommt und nach Bonn geht und gerade im Münchner Haus der Kunst zu sehen ist, vereint zahlreiche von ihnen.

Gleichzeitig wirft sie Licht auf die Rezeption französischer Werke in Deutschland, besonders die drei größten deutschen Sammlungen: auf das Kabinett der Markgräfin Caroline Luise von Baden, das sie als "Bibliothek eines Homme de lettres" bezeichnete, "geschaffen, um mich zu bilden". Daneben noch auf die Sammlung Friedrichs des Großen von Preußen, die dieser von 1740 bis 1770 anlegte, und die nicht weniger als 200 französische Werke des 18. Jahrhunderts umfasste. Und auf Herzog Christian Ludwig II. von Mecklenburg-Schwerin, einen leidenschaftlichen Jäger, der von 1732 an großen Gefallen an den Tierstillleben und Jagdszenen Jean-Baptiste Oudrys fand, dem Maler des Hofchirurgen der Versailler Menagerie.

Dem Ziel, ein Kapitel Malereigeschichte zu skizzieren, ging eine aufwändige, spannende Recherche voraus: Pierre Rosenberg, langjähriger Direktor des Louvre und Mitglied der Acadé´mie Franç¸aise, besuchte deutsche Museen und Schlösser - und entdeckte mehr, als er erhofft hatte. Bei den 2000 Werken ergaben sich nicht wenige Neuzuordnungen, unter anderen Vincents "Griechischer Priester" (Schloss Aschaffenburg), dessen feiner Pinselstrich bis dahin dem deutschen Maler Dietrich zugeschrieben war.

Bei ihrer Ankunft in München konnte sich die von den "Lothringischen Malern" und den "Französischen Caravaggisten" bis zur "Klassizistischen Malerei" von David thematisch geordnete Schau dank des großartigen Eigenbesitzes noch auf 167 Bilder vergrößern.

In Komposition mit wertvollen Leihgaben aus Dresden, Berlin, Köln oder Frankfurt begegnen einander nun die übersprudelnden Metamorphosen Poussins und die idyllischen Realgegenden Lorrains. Flankiert von Millets friedlich fließender "Gebirgigen Küstenlandschaft" verwandeln sie den größten Saal in einen faszinierenden Ort, der das Auge verwöhnt, etwa mit dem verwunschenen "Noli me tangere" (1681), eines der letzten Bilder Claude Lorrains.

Überall zudem Münchner Werke, die man bisher nicht zu sehen bekam. Denn auch diese Leistung ist der Schau zuzuschreiben: die Restaurierung zahlreicher wunderbarer Gemälde aus dem Depot der Alten Pinakothek, eine Schatztruhe, die nicht weniger als die Hälfte aller Münchner Ausstellungsstücke barg. Etwa die beiden venezianisch geprägten Lehrstücke Nicolas Vleughels', Mitte des 18. Jahrhunderts Direktor der Acadé´mie de France in Rom, die so vergilbt waren, dass sich die Restauratoren zunächst gar nicht an sie herantrauten. Nun erstrahlen "Die Hochzeit zu Kana" und "Das Mahl bei Simon" in herrlich leuchtender Farbigkeit und enthüllen einen Meister der grazilen detailreichen Erzählung.

Der liebenswerten spielerischen Anmut in den Arbeiten seines Freundes Watteau zollen einige Dresdner und Berliner Leihgaben Tribut. Auch in diesem Raum, wo der Künstler vor allem von einigen herausragenden Schülern, etwa Pater oder Lancret, umgeben ist, wird eine besondere Attraktion der Ausstellung deutlich: bekannte Höhepunkte mit den Reizen unbekannterer, doch nicht unspektakulärer Werke zu konfrontieren.

So fällt zum Beispiel - irgendwo zwischen den "Erbsenessern" La Tours, der "Pompadour" Bouchers und den Schiffbrüchigen Vernets - der in Rom geborene Gaspard Dughet auf mit seinen sanften, vermeintlich idealen Berglandschaften wie dem "Saccotal bei Genazzano", die sich doch - eine Besonderheit - geographisch konkret ihren realen Vorbildern zuordnen lassen.

Bis 8. Januar 2006. Mo.-So. 10-20 Uhr, Do. 10-22 Uhr. Info: 089/ 21 12 71 13; www.hausderkunst.de. Der Katalog kostet 29 Euro, das Gesamtverzeichnis 78 Euro.

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