Zerfledderter Charme

- Heute trifft man sich in der Single-Bar. Früher ging man zum Tanztee oder zum "Ball der einsamen Herzen". Und den ließ die Hamburger Gruppe She She Pop (SSP) soeben beim Münchner Spielart wieder aufleben: "Warum tanzt ihr nicht?", laut Untertitel ein "Ballsaal-Projekt", das sich bis an die Risikogrenze des Flops abhängig macht von der Mitmachbereitschaft der Zuschauer.

Und die war am ersten SSP-Abend eher temperiert. Aber die sieben Damen in ihren herrlichen Ausgeburten geschmackloser Ballkleid-Mode und der Herr mit den angeklebten Wimpern kämpften mit der ganzen melodramatischen Kraft ihres Ansinnens, die mittelprächtigen und die plattfüßig-lausigen Tänzer, die Männer, die nie richtig führen gelernt haben und die ewigen Mauerblümchen an einem Abend tanzend glücklich zu vereinen. Und dazu lassen sie Elvis und Dean Martin mit den samt-süffigsten Schlagern der 50er- und 60er-Jahre schmachten. Sie bringen einem zum Angebeteten umfunktionierten Zuschauer ein Gitarren-Ständchen, machen einen anderen zum Papa, der hier mal seine Tochter als Erwachsene auf hohen Stöckeln bewundern soll.

Sie ermutigen zum Partnerkontakt mit Rilkes "Wer jetzt kein Haus hat" und lassen Bereitwillige "Quality Cards" auf dem Rücken tragen, wo der Tanzpartner die Rubriken Körpergeruch, Rauschfähigkeit, Bausparvertrag usw. ausfüllen soll. Ob das Ballsaal-Projekt wie erwünscht zum "Minenfeld der Hoffnungen", zum Ort der "großen Verheißungen und heimlichen Wünsche" aufblühte, sei mal dahingestellt.

Aber die acht SSPs haben sich zum Thema "einsame Ballherzen" zumindest ein paar nette Ideen einfallen lassen, sich mit sympathisch zerfleddertem Charme selbst in die Tanz-Arena der Reaktorhalle geworfen und doch noch ein paar "Gäste" von den Sitzen gelockt.

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