Zerfressene Seelen - Donna Leons 16. Brunetti-Kriminalroman

München - Der sechzehnte Fall Commissario Brunettis von der venezianischen Polizei - Donna Leon betitelt ihr Buch mit "Lasset die Kinder zu mir kommen" - beginnt für ihn erst ziemlich nebulos, dann eher peinlich.

Eine Einheimische hat sich aufgerafft, wort- und abschweifungsreich über ihre Beobachtungen zu berichten: Im Haus gegenüber sei eine schwangere Frau aufgetaucht - und samt Baby, ohne Spuren zu hinterlassen, alsbald wieder verschwunden. Die Information bleibt auch dann noch ohne Zusammenhang, als der Kriminalbeamte ins Krankenhaus gerufen wird.

Ein Bürger der Stadt, der renommierte Kinderarzt Dottore Pedrolli, wurde zusammengeschlagen, liegt mit Schädelverletzungen danieder. Schuld sind die Carabinieri, obendrein Kollegen vom Festland. Eine heikle Situation: Wurden die venezianischen Behörden nicht informiert, oder haben sie die Nachricht verschlampt? Soll man also scharf auftreten oder mit diplomatischer Finesse vorgehen?

Brunetti wählt - seine Fans wissen das - natürlich den eleganten Weg. Als Italiener und Venezianer ist es ihm in Fleisch und Blut übergegangen, mit geschicktem Lavieren oft leichter und effektiver zum Ziel zu kommen als mit Hau-drauf-Methoden. Vom geschniegelten Carabinierioffizier - mit hingebungsvoller Ironie schildert Leon seine glänzenden Stiefel - erfährt Brunetti, dass es bei der Sonderaktion um illegale Adoptionen ging. Demnach ist der Commissario gar nicht zuständig. Was ihn aber nicht weiter schert. Ausnahmsweise wird er bei seinen Extratouren vom sonst so zickigen Vice-Questore Patta, seinem Chef, unterstützt. Der Grund kann nur sein, dass eine mächtige Person aus dem Hintergrund mitmischt.

Donna Leon hat erneut ihre erzählerische Grundkonstellation wie ein Netz ausgelegt, in der sich Verbrechen, Politik und seelenzerfressende menschliche Niedrigkeiten wie Extrem-Egoismus, Heuchelei und Frömmelei verfangen und verfilzen. Ihr seit bereits mehreren Romanen düsteres Bild vom offiziellen Italien zwischen Berlusconi und Lega Nord hat sich verfestigt. Ihre Liebe zu Italien und insbesondere zur Serenissima lebt nur von der Hoffnung auf anständige, kultivierte Individuen, wie sie die Familie Brunetti und seine Kollegen Vianello, der obendrein einem Betrug im Gesundheitswesen aufdeckt, sowie Signorina Elettra verkörpern.

Diese Trost-Crew lässt auch den Leser allerhand Kritisches und Trauriges ertragen. Dieses Mal wird ein Vater-Sohn-Glück zerstört, das Leon zuvor in einer liebreizenden, fröhlichen Idylle dem Leser vor Augen führt. Eine der stärksten Szenen des Romans, der insgesamt jedoch nicht zu ihren besten gehört.

Das Erzählen scheint manchmal etwas zäh, ja lustlos. Aber dann gelingen der Schriftstellerin wieder wunderfein spöttische Beobachtungen: etwa die stummen, allerdings körpersprachlich beredten Revierkämpfe zwischen hübschen, jedoch rangniedrigeren beziehungsweise -höheren Italienerinnen. Oder die Autorin "verwandelt" das komplett eingewickelte, also gefatschte Baby aus Bellinis Gemälde "Darbringung Jesu im Tempel" zum berührenden Symbol "des gefesselten Kindes".

Denn niemand wird die verschacherten, illegal adoptierten und von der Polizei "befreiten" Kleinen aus Lieblosigkeit und dem sturem Wirken des Rechts erlösen. Donna Leon hat den Mut, ihre Leser ohne Happy End aus der Geschichte zu entlassen.

Donna Leon: "Lasset die Kinder zu mir kommen".

Aus dem Amerikanischen von Christina E. Seibicke.

Diogenes Verlag, Zürich, 355 Seiten; 21,90 Euro.

Der Roman ist ab 23. Mai im Handel erhältlich.

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