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Zerrissener Mensch

- Eigentlich eine einfache Geschichte. Der Algerier Berkane kehrt Anfang der 90er-Jahre aus Paris in seine Heimat zurück und wohnt im Haus seiner Familie am Meer. Er verliebt sich in eine ebenfalls im Ausland lebende Algerierin, die gerade zu Besuch ist. Nach einer sehr erotischen Beziehung lässt sie ihn zurück, er widmet sich wieder dem Schreiben. Plötzlich ist er wie vom Erdboden verschwunden, verschleppt vermutlich von rebellierenden Islamisten.

Berkane, Ende 40, frühpensioniert, ist ein nachdenklicher, sensibler, trauriger Mensch. Als seine langjährige französische Freundin Marise sich von ihm trennt, fühlt er sich ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Verliert sich in Erinnerungen. Und so verzweigt sich, um seine Gegenwart herum, die Geschichte in viele kleine Erzählstränge, die bis weit in seine Vergangenheit zurückreichen. Sich auch ganz ablösen, wenn sie von der Zeit nach seinem Verschwinden, von seinem besorgten Bruder, der trauernden Ex-Freundin, der nichts ahnenden, fernen Geliebten - teils in Briefform - berichten.

Soziale Verwerfungen

Die formale Vielfalt ist ein Merkmal von Djebars Stil: Da wechseln sich Tagebucheinträge, nicht abgeschickte Briefe, Ich- und Er-Erzählung ab - Puzzle-Stücke, mit denen sich ein zerrissener Mensch wieder neu zusammensetzen will.

Zerrissen haben ihn nicht allein die Fremde, die Heimatlosigkeit und die Trennung von einer Frau. Sondern bereits seine Erfahrungen als Unabhängigkeitskämpfer im Algerienkrieg der 50er-Jahre. Die Zeit der Gefangenschaft in einem Lager der französischen Machthaber. Die Folter. Der Verlust von Angehörigen. Die Abhängigkeit von Ideologien: Den Begriff "laizistisch" hört er wie viele Algerier im Lager zum ersten Mal. Viel später sind die Islamisten seine Feinde. Und er erkennt, dass politische Begriffe bei ihrer Übersetzung ins Französische und ihrer Rückkehr ins algerische Selbstverständnis sinnentstellt werden: "Es ist also die französische Sprache, die in der Politik bei uns fehlerhaft ist", denkt Berkane.

Wie immer in Djebars Romanen und Erzählungen meldet sich auch hier die Philologin zu Wort. Die erwähnt, welche Ausprägung des Arabischen ihre Figuren gerade sprechen, den Dialekt der Kasba, der Altstadt, etwa. Die auch unterscheidet zwischen dem Arabischen der Liebe und dem des Hasses. Die mitfühlen lässt, ob Berkane und seine Geliebte das Französische - der Diskussion oder der Intimität - angemessener empfinden als das Arabische.

Und obwohl Assia Djebar seit langem in New York und Paris lebt, hat sie ein feines Gespür für die sozialen Verwerfungen dieser verstörten algerischen Gesellschaft: "Zur Erinnerung an die ,Schlacht von Algier’ hat man sich damit begnügt, die alten Straßennamen, die an die Kolonialzeit erinnerten, einfach durch Namen der vielen Opfer der Repression von 1957 aus dem Standesregister zu ersetzen! Gehört diese Betäubung des kollektiven Gedächtnisses wirklich zum Los der Länder der Dritten Welt? Ist dies nicht der Beweis dafür, dass die gesamte Gesellschaft völlig atemlos nur vorwärts rennt, sich blindlings auf das materielle Überleben stürzt?" Assia Djebar hat einmal mehr eine zugleich hocherotische, politische und trauernde Hommage auf ihr Heimatland geschrieben.

Assia Djebar: "Das verlorene Wort". Aus dem Französischen von Beate Thill. Unionsverlag, Zürich, 249 Seiten; 19,90 Euro.

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