Vom Zettelkasten bis zur Totenmaske

- In Schillers Geburtsstadt Marbach hat die deutsche Literatur auf einer Anhöhe mit Blick ins Neckartal ein standesgemäßes Zuhause. Das Deutsche Literaturarchiv und das Schiller-Nationalmuseum bilden hier seit Jahrzehnten das literarische Zentrum der Bundesrepublik.

Nun wird es um eine Attraktion reicher: Das Literaturmuseum der Moderne, das Bundespräsident Horst Köhler gestern eröffnet hat, gilt als weltweit einzigartig.

Das LiMo, wie es kurz heißt, will vom Computerkid bis zum Wissenschaftler jedem etwas bieten.

Originalmanuskript von Kafkas "Proceß"

"Der ideale Besucher muss sich einfach trauen und die Augen aufmachen", sagt die Leiterin der 1,2 Millionen Euro teuren Ausstellung, Heike Gfrereis. Allein die Zeitachse bietet Orientierung zwischen den gläsernen Regalen und Vitrinen. Dabei müssen sich die Besucher erst einmal in sparsam ausgeleuchteten Räumen orientieren. Denn die Exponate brauchen eine besonders gleichmäßige Umgebung, um die weiteren Zeitläufte zu überdauern: wenig Licht, 18 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Der klassische Säulenbau aus Beton und tropischem Ipê^-Holz des britischen Architekten David Chipperfield beherbergt Sehenswertes zur Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts - vom Zettelkasten bis zur Totenmaske. Neben dem Originalmanuskript von Franz Kafkas "Proceß" und Briefen von Hermann Hesse und Thomas Mann erinnern künftig Exponate in Dauer- und Wechselausstellungen auch an zahlreiche weniger bekannte Autoren.

Ausgestellt werden etwa die in antiker Manier gestalteten Papierrollen von Ernst Penzoldt für seinen Schelmenroman aus den 30er-Jahren, "Die Powenzbande", und ein Röntgenbild des lungenkranken Philosophen Karl Jaspers. Vermittelt werden soll vor allem, wie Texte entstehen, es geht aber auch um Erfahrungen und Denkweisen in der Kulturgeschichte.

Das LiMo ist das "Sichtglas ins Herz der Literatur", sagt der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff. Sein Ziel ist es, besonders Lehrer und Schüler anzulocken. Zu entdecken gibt es Abiturzeugnisse, Identitätsausweise und Notizbücher, historische Tonaufnahmen, Kleidungsstücke, private Fotoalben und Hausrat der Dichter.

Rund zwölf Millionen Euro haben sich Bund und Land den von Terrassen umgebenen Neubau kosten lassen. Damit gibt es in Marbach erst einmal wieder Spielraum. Um 3800 Quadratmeter ist die Fläche für Archiv und Ausstellungen gewachsen, davon werden 1000 Quadratmeter aus mehr als 1200 Schriftsteller- und Gelehrtennachlässen des Archivs bestückt. 400 Quadratmeter sind den Wechselausstellungen vorbehalten, in diesem Jahr zu Gottfried "Benns Doppelleben" (7. Juli bis 27. August) und Hannah Arendt (5. Oktober bis 26. November).Ulf Mauder

www.dla-marbach.de

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