Das zeugt von Leben

- Nachdem die Münchner Synagoge am St.-Jakobs-Platz während des 9. November eingeweiht worden war, hob unter den Juden der Stadt eine kurze, aber bange Wartezeit ­ wie infolge des Blitzes auf den Donner ­ an. Erst als Tage später die meist nichtjüdische Bevölkerung mit ihrer überwältigenden Teilnahme den Tag der offenen Tür nutzte, um das neue Gotteshaus zu besuchen und so ihre Zufriedenheit zum Ausdruck brachte, machte sich in der Jüdischen Gemeinde allgemeine Erleichterung breit. Die "Schul'" war von den Münchnern angenommen worden.

An der Ästhetik des Gotteshauses, das durch seine Transparenz und Wärme jeden überzeugte, der es betrat oder im Fernsehen gesehen hatte, bestand kein Zweifel. Die Unsicherheit rührte vielmehr aus einem Reflex, der das Diaspora-Judentum seit zwei Jahrtausenden begleitet wie ein warnender Schatten. Die Frage: "Ist das gut für uns Juden?"

Die vertraute, vor 60 Jahren wiedereingeweihte Synagoge im Hinterhof der Reichenbachstraße 27 wurde als Provisorium angesehen. Doch deren Hinterhausexistenz hatte einen unausgesprochenen Vorteil, "man", also die Juden, fiel nicht auf. Eine Illusion, wie sich spätestens am 13. Februar 1970 erweisen sollte. Am Abend dieses Tages legten Unbekannte Feuer im Vorderhaus, in dem die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde sowie ein kleines Altenheim untergebracht waren. Sieben alte Menschen fanden bei dem Brand den Tod.

Die Furcht ist Allgemeingut geworden

Ich kannte alle, denn ich gehörte damals zu einer Gruppe junger Menschen, welche jeden Sabbath-Nachmittag die Frauen und Männer besuchten und sich auch ansonsten um deren Belange kümmerten.

Wir Jungen waren entsetzt und traurig. Es war unsere erste Begegnung mit dem Tod. Für unsere Eltern, ja für alle älteren Juden Münchens aber hatte der Anschlag traumatische Folgen. Er bewies ihnen, dass das mörderische Gespenst des Antisemitismus in Deutschland keineswegs ausgerottet war, wie deutsche Politiker in Sonntagsreden behaupteten. Je schärfere Sicherheitsmaßnahmen getroffen wurden, desto unsicherer fühlten sich die Juden. Da half kein Hinweis, dass man als Hebräer auch in Israel vor den Anschlägen der Judenfeinde keineswegs sicher sein konnte.

Drei Dutzend Jahre später ist die Furcht noch immer nicht aus der Welt geschafft. Sie ist vielmehr Allgemeingut geworden. Spätestens seit den Anschlägen des 11. September weiß jeder, dass er ungeachtet seines Glaubens oder seiner Nationalität einem Attentat zum Opfer fallen kann. Deutschlands Juden indessen haben in der Zwischenzeit zunehmend Vertrauen zu ihrer Umwelt gefasst. Sie wähnen sich nicht länger fremd in der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung. Die Juden waren gefestigt genug, ihren Mittelpunkt im Herzen Münchens aufzuschlagen und sie wurden dabei von den Bürgern der Stadt willkommen geheißen. "Wir haben gebaut, um zu bleiben", verkündete Gemeindepräsidentin Charlotte Knobloch bei der Einweihung der Synagoge. Mit dem Bleibenwollen ist es freilich nicht getan. Die Denkenden, einerlei welchen Glaubens, wissen, dass sie an die traditionsreiche deutsch-jüdische Geschichte anknüpfen sollen.

Unabhängig werden von übermächtigen Mentoren

Lion Feuchtwanger, die Pringsheims, Karl Wolfskehl, Thomas Theodor Heine, Therese Giehse, aber auch die Eisenbahnbarone Hirsch beschritten in der Vergangenheit Wege in Kultur und Wirtschaft, die einer Fortsetzung harren. Die Bereitschaft, sich zur deutschen Gesellschaft zu öffnen, bedeutet zugleich ein Stück Unabhängigkeit für Juden und Nichtjuden. Man wagt es, sich aus dem Schatten vermeintlich übermächtiger Mentoren wie Lea Rosh oder Beate Klarsfeld zu lösen und geht eigene Wege.

In München entstanden das jüdische Jugend- und Kulturzentrum, die Literaturhandlung Rachel Salamanders. Maxim Biller verfasste hier seine Geschichten, ehe es ihn nach Berlin verschlug. Dort wagte unlängst der Chef der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, gegen Widerstände ein eigenes Konzept zum Gedenken an die während der Shoah deportierten jüdischen Kinder für Bahnhöfe in ganz Deutschland durchzusetzen.

Es mag, ja es soll Zank geben in und neben der Judenschul‘. Das zeugt von Leben. Die deutsch-jüdische Symbiose hat wieder eine Zukunft ­ wenn wir alle daran mitwirken.

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