Es zielt auf den Untergang

- "Uns sind in alten Mären Wunder viel gesagt/ von Helden reich an Ehren, von Kühnheit unverzagt,/ von Freude und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,/ von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen."

<P>Noch bevor das Bayerische Staatsschauspiel mit seinen Inszenierungen so richtig eintaucht in die neue Spielzeit, setzt man im Hause Dorn zum Auftakt erst einmal andere Akzente. Von heute an liest an zehn Abenden Rolf Boysen, in der Allerheiligen Hofkirche das Nibelungenlied. Der einzelne Abend kostet zehn, alle Abende zusammen 60 Euro.</P><P>Nach antiker "Ilias" nun also deutscher, um 1200 entstandener Heldengesang. Chefdramaturg Hans-Joachim Ruckhäberle betont, dass der Text fast ohne Striche gelesen werde. Warum die Wahl aufs Nibelungenlied fiel, begründet er so: "Wir sind ja immer im Gespräch mit Rolf Boysen, der ein besonderes Interesse an solchen Lesungen hat. Hier nun haben wir einen großen, sperrigen Stoff. Ein Stück deutsche Geschichte, das immer auch Anlass gab zu bestimmten Projektionen. Der Text ist in seiner Rezeption bekanntermaßen ja nicht ganz unbelastet."</P><P>Erstaunlich, dass das Nibelungenlied allseits so beliebt war. Denn die Geschichte, die hier erzählt wird, ist zwar faszinierend, aber sie ist auch genauso fürchterlich. Ruckhäberle: "Unabwendbar steuert es in den Abgrund, in die Totalvernichtung." Haben solche Stoffe seit der Wiedervereinigung verstärkt Konjunktur? Ruckhäberle: "Mag sein, wobei die theatralische Konjunktur aber mit dem Stoff eher ironisch umgeht. Vielleicht beruht das neuerlich große Interesse an diesem Thema auf der Frage: Wo gibt es einen gemeinsamen Mythos, auf den die Menschen sich beziehen können?"</P><P>Doch das Nibelungenlied selbst hält er da für weniger typisch, denn "es wirft einen sehr kritischen Blick auf die Begriffe wie Treue, Verrat und Betrug". Heute sei eher zu fragen: "Worauf hat man sich damals eigentlich bezogen? Der Text selber lässt keinen Zweifel daran, dass alles auf den Untergang zielt. Aber: "Wir geben mit der Lesung keinen Kommentar dazu."</P>

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