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Wilder, verzweifelter Todestanz: Sopranistin Laura Aikin als Marie

Salzburger Festspiele

Zimmermanns „Soldaten“ in der Felsenreitschule

Salzburg - Zwischen grandioser musikalischer Leistung und Opernmuseum: Der letzte Akt war das Sorgenkind. Eine schwere Geburt. Nicht genug, dass Bernd Alois Zimmermann das Schichten, Überblenden, Verzahnen der Musik- und Zeitebenen auf die Spitze trieb.

Nein, nun schreit und wütet es noch aus der Tonkonserve. Militärische Kommandos in verschiedenen Sprachen, Marschtritte, Detonationen. Wer das hört (alte Aufnahmen ermöglichen dies), ist verstört, aufgewühlt, zu Tode erschrocken. Man will sie nicht mitbekommen diese Fratzen des Schreckens – und muss sie doch über sich ergehen lassen.

Die Besetzung

Dirigent: Ingo Metzmacher.

Regie und Bühne: Alvis Hermanis.

Kostüme: Eva Dessecker.

Darsteller: Alfred Muff (Wesener), Laura Aikin (Marie), Tanja Ariane Baumgartner (Charlotte), Cornelia Kallisch (Weseners Mutter), Tomasz Konieczny (Stolzius), Renée Morloc (Stolzius’ Mutter), Daniel Brenna (Desportes), Wolfgang Aiblinger-Sperrhacke (Pirzel), Boaz Daniel (Eisenhardt), Matja Robavs (Haudy), Morgan Moody (Mary), Gabriela Be(n)a(c)ková (Gräfin de la Roche), Matthias Klink (Der junge Graf) u.a.

In der Salzburger Felsenreitschule fehlen diese grauenhaften Extras. Marie hat da das Dach des bühnenbreiten Pferdestalls erklommen, kniet hinter drei steinernen Pferdeköpfen, reckt die Arme gen Himmel. Ein wilder, verzweifelter Todestanz, ein Schrei – und ein enervierend langes Verebben des letzten Orchestertons. Bezeichnend ist dieser Schluss für die ganze Aufführung. Zimmermann dachte bei den „Soldaten“, einem 1965 uraufgeführten Schlüsselwerk der Opernhistorie auf einen Text des Goethe-Zeitgenossen Jakob Michael Reinhold Lenz, an totale, ultimative Kunst aus Musik, Theater, Film und Bandzuspielung (was ihm die Technik endlich ermöglichte). Alvis Hermanis, sein aktueller Sachwalter, denkt an anderes.

Der lettische Theatermann fegt in dieser aufwändigsten, phonstark bejubelten Premiere des Festivals vieles beiseite. Pur, echt und wahr soll es sein. Gerade bei einem Werk, das zum „Event“ drängt. Ein leicht verfremdeter Naturalismus also, reduziert, oft oratorienhaft eingefroren und mit sorgsam zitierter Ästhetik der vorletzten Jahrhundertwende zwischen Faltenrock, eng geschnürtem Mieder, dickem Feldgraustoff und Gasmaske.

Stumpfsinnig sitzen die Soldaten, saufen, spielen, zupfen an ihren blutigen Verbänden. Beglotzen geil die Frauen, werden als bedrohliche Schattenrisse sichtbar. Und all das, während im Stall, schall- und geruchsdicht isoliert, geduldige, musikgestählte Kaltblüter gestriegelt und herumgeführt werden. Die Felsenreitschule also, wie apart, wieder in ihrer ursprünglichen Bestimmung. Und was geht uns das an? Die Frage spukt einem ketzerisch oft im Hirn herum. Bei diesem, leider, Blick ins Museum.

Die Handlung

Marie, Tochter des Kaufmanns Wesener, ist mit dem Tuchhändler Stolzius verlobt. Der Baron Desportes macht ihr den Hof, was Wesener gefällt. Stolzius wird eifersüchtig – und von Offizieren verhöhnt, die mit Desportes befreundet sind. Desportes schiebt Marie seinen Freunden zu. Stolzius wird Soldat, um das Geschehen im Auge behalten zu können. Die Gräfin de la Roche nimmt Marie als Gesellschafterin auf, um sie zu schützen. Vergeblich. Marie endet auf der Straße, unerkannt vom Vater. Stolzius vergiftet sich und Desportes.

Dabei sind die Anstrengungen gar nicht hoch genug zu preisen. Zimmermanns „Soldaten“, das ist der kaum zu realisierende Ausnahmefall. So gut wie unsingbar, unspielbar. Da geht es weniger um Interpretation, eher um Kontrolle. Was für eine grandiose, Ehrfurcht gebietende Leistung also. Und zusammengehalten wird alles von Salzburgs Experten in solchen Dingen. Ingo Metzmacher ist nicht nur souveräner, brillanter, unaufgeregter Lotse, der die Partitur irgendwann eingeatmet haben muss. Er hat die Wiener Philharmoniker, verstärkt um einen Schlagwerkapparat, der rechts und links an den Seitenwänden postiert ist, tatsächlich zu einem Spezialensemble für die Moderne geformt.

Offensiv und trotz der großen räumlichen Entfernung präzise klingt das meiste. Metzmacher seziert die Musik, gibt ihr Plastizität, stellt sie schmucklos aus, überschreitet dabei Schmerzgrenzen. So kompromisslos, dass die Philharmoniker ein ums andere Mal ihre gute Erziehung vergessen. Ähnliches bei den Solisten. Die singen nicht nur, die entäußern sich.

Am weitesten geht Laura Aikin als Marie. Sie beweist, dass man Zimmermanns immer wieder grell nach oben kippende Linien tatsächlich bewältigen kann. Expressiver Ausdruck und technisch versierte Vokalkunst verbinden sich da. Hermanis fordert gerade von Aikin großen Körpereinsatz. Mit einem zuckenden Tick betritt die Geschundene die Bühne. Und wenn Marie von den Soldaten vergewaltigt wird, geschieht das in einem engen Glaskasten, kaum sichtbar, da alles eine Schlacht in fliegendem, wogendem Heu ist. Ausstellungsort und Gefängnis ist diese Zelle, die zentral wird für Hermanis’ Inszenierung.

Auch die anderen verlangen sich das Äußerste ab. Daniel Brenna, der als Desportes seine Tenorstimmbänder martert. Wolfgang Aiblinger-Sperrhacke mit den klug geformten Extremtönen als Hauptmann Pirzel. Renée Morloc (Stolzius’ Mutter) und Cornelia Kallisch (Weseners Mutter) in ihrem bizarren Espressivo. Die große Gabriela Beaková (Gräfin) mit vehementer Höhen-Attacke. Tomasz Konieczny als Stolzius mit passend verkniffenem, verschattetem Bariton. Und Alfred Muff (Wesener) mit seiner glasklaren Deklamation. Welch ein Ensemble.

Wenn dieser Wesener durchs Heu tapst, sich darin windet und von seiner unerkannten, gefallenen Tochter Marie belästigt wird, dann ist das einer dieser Herzwehmomente, die Regisseur Hermanis uns sonst vorenthält. Die Projektionen alter Damenaktfotos, das (laszive?) Reiten der Soldatenbräute, das ach so schmutzige Wälzen im Heu, die manchmal choreographierten, wie irrsinnigen Bewegungen der Sänger, der Hochseilakt eines Marie-Doubles: Zutaten sind das, bei denen das Wollen schwerer wiegt als die Wirkung.

Zwischen bewusster Künstlichkeit und Kunstgewerbe bewegt sich dieser Abend. Wo der Komponist auf Allumfassendes zielte, den Besucher dem Stück aussetzen wollte, driftet Hermanis’ Regie in die gute alte Guckkasten-Ästhetik. An die „Kugelgestalt der Zeit“ hatte Zimmermann einst geglaubt, an die sich bedingende Gleichzeitigkeit von gestern, heute und morgen. Hermanis belässt es nur bei einem schmalen Kugelsegment. Eine Fernrückung. Was freilich lange nachwirkt, einen drückt und bewegt, ist die Musik. Das Beste an diesem Salzburger Opernsommer.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen 23., 24., 26. und 28.8.;

Telefon 0043/ 662/ 8045-500;

3sat sendet zeitversetzt am 26.8., 21.55 Uhr.

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