Zirkus der Illusionen

- Was ist eine Utopie? "Love", Liebe, zu lesen auf einer goldberingten Hand? Das Pappschild "No War"? Der gläserne Mensch mit dem projizierten Skelett auf dem Rücken? Plakate zeigen, was Künstler unter einer Zukunftsvision verstehen. Das Münchner Haus der Kunst hat sie alle in seine ehemalige Ehrenhalle geholt und konfrontiert fatale NS-Träume mit heutigen Sehnsüchten.

<P>Damit hat "Utopia Station" einen ebenso regionalen wie übergreifenden Aspekt bekommen: Begonnen hatte alles auf der Biennale in Venedig unter der Kuration von Molly Nesbit, Hans Olbrist und Birkrit Tirnvanija. Ein Chaos von Illusionen wurde zum regelrechten Zirkus zusammengestellt, der sich an verschiedenen Orten weiterentwickelt. München unterstützte das Vorhaben in Venedig und ist mit dem "Poster Project" ein Zwischenstopp des fantastischen Zugs in eine bessere Zukunft. 2004 wird er die Endhaltestelle erreicht haben: Dann soll im Haus der Kunst der große Aufmarsch der Utopien folgen.<BR>Direktor Chris Dercon hat sich für einen stillen, trotzdem populären Auftakt entschieden, bevor er in fünf Wochen seine erste große Ausstellung präsentiert. Beim aktuellen Projekt sind zunächst die Kinder gefragt, die ihre eigene utopische Stadt dazubauen sollen und die Werke zu Gunsten von "Children for a better world" versteigern. Mit einem Jahresetat fürs Kinderprogramm von 50 000 Euro und neuen, riesigen Werkstätten will Dercon seine Utopie verwirklichen und im lockeren Stil das Haus der Kunst zu einem "lebendigen Kulturzentrum" machen. Im Gegenzug dazu werden gerade die Reste der alten NS-Ehrenhalle frei gelegt. Die ersten Texttafeln künden jetzt schon - als Teil von "Utopia Station" - von den Vorläufern der Halle über die propagandistischen NS-Veranstaltungen bis hin zur Nutzung nach dem Krieg. In diesem Rückblick ist Picasso mit Guernica vertreten, beim Ausblick tummeln sich große Namen wie Rosemarie Trockel, Rem Koolhaas oder Hans Haacke. Sie ergänzen in München die Arbeiten von nicht weniger prominenten Vorläufern in Venedig wie Yoko Ono, Michelangelo Pistoletto, Christoph Schlingensief oder Patti Smith. Ihre kreativen Träume laufen nun im Film ab: Yang Fudong verdeutlicht die brodelnde Atmosphäre in Venedig, Edouard Glissant erzählt von der Internationalität der Hoffnungen. Carsten Höller hat alle Mitwirkenden porträtiert: namenlos, so wie das ganze Projekt endlos und unbenennbar für die menschlichen Wünsche steht. Die Filme, Vorträge und die 160 Poster werden vor allem einen Effekt haben: Man wird es wieder wagen, Träume zu haben.</P><P>Bis 30. November. Tel. 089/ 21 12 70, www.hausderkunst.de<BR>"Für eine bessere Welt" kämpft übrigens auch Roland Schimmelpfennig in seinem aktuellen Kriegs-Stück. Premiere ist am 23. Oktober im Theater im Haus der Kunst, Florian Boesch inszeniert.<BR><BR></P> 

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