Zirzensische Utopie

- Ein Buch für Dackel-Besitzer und Doggen-Abrichter, ein Hunde-Roman also, könnte man meinen, wenn man diese Geschichte hört: Ein sehr süßer und intelligenter Hund wird von Zirkus-Veteranen dressiert, eine ganz seltene Nummer vorzuführen, und verhilft seinen Herrchen zu einem letzten Aufleuchten ihres Ruhms in der Manege. Doch "Der Hund von Balard", seiner liebevollen Beschreibung nach tatsächlich auch ein Herzensbrecher für jeden Tierfreund, ist in Ludovic Roubaudis lebensprallem Roman vor allem ein Symbol.

<P>Und das gleich zweifach: In dem streunenden Hund, der von Zeltbauern auf dem ehemaligen Pariser Konzert-Gelände "Balard" aufgenommen wird, spiegelt sich das Leben der heimatlosen Zeltbauer selbst. Ohne bürgerliche Existenz, Wohnsitz und Papiere sind sie in der Truppe des Veranstalters wie auf einer Insel angekommen, auf der sie vor der feindlichen Außenwelt geschützt sind. </P><P>Zugleich wird der Hund zum Hoffnungsträger für ihre noch zarten Träume. Denn das Tier, das von ganz alleine plötzlich Kunststückchen aufführt, erlernt eine legendäre Zirkusnummer - Grundstein für einen eigenen Zirkus. Marco, muskelbepackter und cleverer Chef der Zeltbauer, war selbst einmal Dompteur und Dresseur, nimmt seine Kontakte zu Zirkusfreunden wieder auf und will endlich, zusammen mit seinen eigenwilligen, aber treuen Jungs, nachholen, was ihm in seinem früheren Zirkusleben durch viele traurige Umstände verwehrt blieb.</P><P>Der wundersame Hund, ein "Subjekt", wie der Dresseur sagt, wird für den Leser zum Schlüssel zur fremdartigen, mit der Zeit doch anrührenden Welt dieser Outlaws. "Law of the West" - Gesetz des Westens oder auch Recht des Stärkeren - heißt dort die Überlebensstrategie, die sich immer wieder auch mit Freundschaft und tiefer Verbundenheit paart. </P><P>Wofür sich die harten Zeltbauer natürlich schämen würden, spräche das jemand aus. Roubaudi beschreibt mit einer zum Greifen nahen Plastizität und viel Gespür für Situationskomik die schwitzenden, schmutzigen, auch hässlichen und schiefen Körper, die Härte der Arbeit und sogar den Rausch der Schlaflosigkeit, als das eigene Zelt errichtet wird. Feinfühlig und jedes Anschwellen einer Sehne erspähend zelebriert er daneben die Dressuren, aber auch einfach die Regungen jedes der beteiligten Lebewesen, ob Mensch oder Tier.<BR><BR>Und er wäre nicht Franzose, würde er nicht in seiner bezirzenden Parabel über den Zauber einer Utopie auch noch die Rezepte für Mayonnaise und Bolognese unterbringen. </P><P>Ludovic Roubaudi: "Der Hund von Balard". <BR>Aus dem Französischen von Gaby Wurster.<BR>Schirmer-Graf Verlag, München<BR>268 Seiten; 19,80 Euro.<BR><BR>Das Buch wird heute in Elke Heidenreichs "Lesen!" (ZDF, 22.15 Uhr) besprochen.</P>

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