Zockelnder Hemdenmatz

- Hier wehte Beckett vorbei. Bis Godot kommt, vertreiben sich Jonathan Burrows und Matteo Fargion die Zeit mit leisen Humor generierenden Stimm- und Bewegungsspielen. Das Choreographen-Komponisten-Duo war schon 2003 Gast der Münchner Tanzwerkstatt Europa (TWE) mit dem etwas mageren Gesten-Dialog auf zwei Stühlen "Both Sitting Duet". Die jetzige TWE-Uraufführung "Quiet Dance" ist ein gutes Stück dichter gearbeitet.

Dass Burrows einmal als Solist des Londoner Royal Ballet klassisch über die Bühne schwebte - kaum noch vorstellbar. 2002 wurde der Ex-Ballerino in New York für seinen "laufenden Beitrag zum zeitgenössischen Tanz" gewürdigt. Aber Abweichler sind ja immer am radikalsten. 2001 riskierte er sogar ein Duett mit dem Leiter des Dutch Theaters Jan Ritsema, einem waschechten Nicht-Tänzer. Ein Herausforderungs-Sucher ist also der 45-jährige Brite allemal. "Ahahahaaaaaa" befiehlt hier durchdringend Hemdenmatz Fargion, und schon zockelt Hemdenmatz-Bruder Burrows in komischem Wackelschritt über die Bühne. Und umgekehrt. Dann bläst B. sein "Shshshshshhhh", und F. zieht los in gekrümmtem Zwergengang.

So kommandieren sie sich gegenseitig mit ihrer Laut-Rumpfsprache und den typisch zeitgenössisch verhäkelten Verkehrspolizisten-Gesten. So zwergeln und schlurfen sie hin und her, auch mal Händchen haltend in Achterfiguren oder in voneinander wegstrebenden Bahnen - wie 1981 die Beckett-Figuren in "May B." der Französin Maguy Marin. Und wie nach einem Geometrie-Lehrbuch hineingezirkelt in die kahle Schwärze der Muffathalle, erinnert dieses gnomenhafte Fußgänger-Ballett entfernt auch an Becketts sprachloses, minimalistisch bewegtes "Quadrat". Aber da, wo Beckett - und bei aller Spektakulär-Theatralität auch Marin - einem etwas zu denken und zu fühlen gibt, bleiben B.& F. an der Oberfläche einer klug ausgetüftelten gestisch-mathematischen Spielerei. Das trägt eben doch nur die Hälfte dieser Performance-Stunde.

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