„Digital ist besser“ war 1995 das erste Album, hier das Cover, der noch dreiköpfigen Tocotronics.

„Zorn kann auch lieblich klingen“

20 Jahre Tocotronic: Sänger Dirk von Lowtzow im Interview

München - Sänger Dirk von Lowtzow spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über 20 Jahre Tocotronic und die Frage, warum er immer noch wütend ist.

Ab 1993 eroberten sie mit Cord-Schlaghose, alter Trainingsjacke und Liedern wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ die Studenten-Partys. Inzwischen tragen Tocotronic Hemd – und veröffentlichen Nummer 1-Alben. Sänger Dirk von Lowtzow (41) erklärt die neue Platte „Wie wir leben wollen“ – und, was ihn nach München zieht.

Wenn Sie heute 18 wären, würden Sie Tocotronic mögen?

Das weiß ich nicht. Weil ich überhaupt nicht weiß, wie 18-Jährige heute ticken. Mögen die Musik überhaupt so sehr wie ich damals?

Hätte die Musik, die Sie heute machen, Ihr Gefühl als 18-Jähriger denn damals getroffen?

Mit Sicherheit. Da sind ja ganz viele Einflüsse – gerade im neuen Album – von Musik, die ich gehört habe, als ich 18 war. Bands wie Joy Division oder The Pastels, die ich damals abgöttisch geliebt habe.

Für viele sind Tocotronic auch eine nostalgische Erinnerung an ihre Jugend. War das eine gute Zeit zum Jungsein, diese 90er-Jahre?

Das kann ich nur persönlich sagen, nicht hobbysoziologisch. Ich persönlich mochte die Nuller-Jahre lieber.

Warum?

Ich habe mich wohler gefühlt. Die Zeit zwischen 20 und 30 war sehr nervenaufreibend gewesen. Schwer zu sagen, was in einem liegt, was von außen kommt oder Zeitgeist ist.

„Wir haben weiche Ziele – wir sind Plüschophile“, singen Sie. Wird in die Texte zu viel hineininterpretiert?

Die Journalisten schreiben hauptsächlich über sich. Mich interessiert nicht, ob sich jemand schlecht gefühlt hat, bevor er die Platte gehört hat, ob er Angst hatte. Unappetitlich.

Ist sie denn politisch geworden, die Platte „Wie wir leben wollen“?

Es ist unsere politischste Platte! Der Titel ist die Kurzdefinition, was Politik sein kann. Es ist eine sehr destruktive, zerfleischende, wütende Platte. Wut gegen den Autor selbst.

„Wie wir leben wollen“ – fragen sich nicht mehr Leute erst mal, wie sie ihre Miete zahlen sollen und haben für solche Debatten keine Zeit mehr?

Deshalb muss man das stark für sich einfordern. Das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden, finde ich ganz wichtig. Das Perfide am neoliberalen Zeitgeist ist, dass einem vorgegaukelt wird, man würde alles freiwillig machen. Man müsse sich nur genug anstrengen. Eine scheußliche Ideologie, die man bekämpfen sollte!

Wird man nicht milder, wenn man älter wird?

Vielleicht. Sollte man aber nicht. Ich finde es gut, zorniger und präziser zu werden. Das muss sich nicht in lauter Rockmusik ausdrücken. Manchmal ist es effektiver, liebliche, harmonische Musik zu machen.

Sie setzen sich mit körperlichem Verfall und Tod auseinander. Warum sind das Fragen mit Anfang 40?

Wenn man 40 ist, wird man natürlich damit konfrontiert, dass Familienmitglieder krank werden oder gar sterben. Ich kann in Texten ausdrücken, was privat nicht so geht: Ängste, Aggressionen, Destruktivität. Im persönlichen Gespräch könnte ich das nicht so gut.

Werden Tocotronic noch mal provozieren?

Ich finde nicht, dass wir Konsens sind. Das hieße für mich Harmlosigkeit und Allgemeingültigkeit. Und das, bei aller Selbstkritik, sind wir nicht. Alleine unsere Verkaufszahlen sprechen Bände. Wir sind glücklicherweise auch nicht von Heino gecovert worden.

Noch nicht.

Ich glaube auch nicht, dass das passieren kann. Unsere Lieder sind nicht bierzeltkompatibel.

Wir haben viel über die Texte gesprochen. Wie hat sich eigentlich Ihre Musik verändert?

Sie ist weniger simpel gestrickt, hat komplexere Harmonien, gewagtere Melodiebögen.

Für das Album wurde eine Vierspur-Tonbandmaschine von 1958 eingesetzt – ist so was nur eine Spielerei?

Wir mussten uns extrem limitieren. Man kann nicht schummeln – das hört man Alben von den Beatles oder den Beach Boys an. Heute legt man sich so Steine in den Weg.

Warum hilft das?

Zeitgenössische Rockmusik krankt oft am Tal der endlosen Möglichkeiten. Man nimmt irgendwas auf und kann es tausend Mal verändern. Was auf dem Tonband drauf ist, kann man nur minimal verändern.

Sie leben seit langem in Hamburg und Berlin. Geht es irgendwann zurück nach Süddeutschland?

Auf jeden Fall! Ich komme aus Baden-Württemberg und plane, meinen Ruhestand in München zu verbringen.

Warum?

Weil ich München wahnsinnig gerne mag.

Was ist hier so gut?

Das  Essen. Es ist einfach besser.

Und was noch?

Die Landschaft ist auch gut.

Wohin geht es nachts?

Ein ausgezeichnetes Lokal, wo wir früher fast immer nach dem Konzert waren, ist das Fischerstüberl in der Lindwurmstraße. Das ist überhaupt eines der besten Lokale der Erde.

Tragen Sie eigentlich manchmal noch Cordhose und Trainingsjacke, so ganz privat?

Ich trage weder Cordhose noch Trainingsjacke.

Nicht mal im Schrank hängen noch welche?

Nein. Ich bin nicht sehr nostalgisch. Ich kann Sachen nicht gut aufheben, ich schmeiße besser weg als zu sammeln.

Das Gespräch führte Felix Müller.

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