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„Viele haben Angst, nur als ein weiterer Junge mit einer Gitarre wahrgenommen zu werden“, sagte William Fitzsimmons über das Klischee eines Songwriters.

William Fitzsimmons: Meine Musik ist wie ein Schrei 

Dachau - In Amerika ist er bereits ein Star: William Fitzsimmons. Wir sprachen mit dem Songwriter während dessen Touraufenthalt in Deutschland über seine Songs, seine Arbeit als Psychotherapeut und über die Angst, Abschied zu nehmen.

William, in Deutschland bist Du noch relativ unbekannt. Welchen Menschen darf der Besucher bei deinem Konzert kennenlernen?

Oh, wow. Gute Frage. Wer bin ich eigentlich? Ich habe eine ganze Zeit meines Lebens als Therapeut verbracht. Obwohl Musik für mich immer sehr wichtig war, sehe ich mich selbst immer noch als Therapeut. Das ist das, was ich immer sein wollte, auch wenn ich heute ausschließlich Musik mache. Für mich ist es im Moment fast so, als würde ich zwei Rollen zur selben Zeit spielen.

Die Medien stopfen dich in das Klischee eines amerikanischen Singer/Songwriters. Ich gebe Dir die Möglichkeit, dich zu befreien.

Möchte ich gar nicht. Für mich ist es eine perfekte Beschreibung, die sagt, was ich kann und was ich mache. Viele fürchten dieses Klischee, haben Angst davor, nur als ein weiterer Junge mit einer Gitarre wahrgenommen zu werden. Vielleicht ist da auch was dran. Für mich sagt dieser Titel jedoch: Da ist ein Musiker, der über seine Gefühle singt und aus dem Herzen spricht.

Deine Texte sind tiefgreifend und erschütternd. Ist es das, was Du Deinem Publikum mitgeben willst? Die traurigen Geschichten des Lebens?

Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube, um im Leben an einen Punkt zu kommen, wo es dir wieder besser geht, musst du zuvor oft sehr viel durchgemacht haben. Betäubt man diese Ängste und Sorgen nur oberflächlich, kommt man keinen Schritt nach vorn. Ich wünsche mir, dass meine Musik eine Hilfe für Menschen ist, über ihre Gefühle nachzudenken. Du kannst deine Ängste verstecken, doch nur wenn du dich mit ihnen auseinandersetzt, kannst du glücklich werden. Man hört schon, hier kommt der Therapeut aus mir heraus.

Du schreibst in Deinen Songs über Trennung, zerbrochene Liebe und die Angst, vor dem was kommt. Spreche ich gerade mit einem sehr traurigen Menschen, der in seinen Liedern sein Leben erzählen will? 

Sehen Sie hier:

Video: William Fitzsimmons - It‘s not true

(Lacht) Meine Lieder, das bin ich. William. Am Anfang habe ich gedacht, dass sich mit meinen Liedern niemand identifizieren kann, weil es meine Geschichten sind, mein Leben. Heute denke ich anders. Trauer und Angst holen dich oft ganz automatisch ein. Wenn dann in solchen Momenten, in denen zwei Menschen dasselbe denken, dasselbe fühlen und denselben Song hören, Dir einer sagt: ,Hey, lass uns reden. Mir geht’s genauso‘, bist du schon nicht mehr alleine. Jeder hat seine eigene Geschichte. Aber die Emotionen und Gefühle sind dieselben. Vielleicht kann ein 14-jähriges Mädchen noch nicht verstehen, was es heißt, durch eine Scheidung gegangen zu sein. Aber vielleicht hat dieses Mädchen gerade ihre erste Beziehung hinter sich und empfindet das, wovon ich singe, auf eine ganz eigene Weise. Das verbindet uns.

Deine Musik wirkt im Vergleich zu Deinen Texten oft wie Balsam für eine verwundete Seele. Steht diese wunderschöne Atmosphäre, die Du mit Gitarre oder Klavier schaffst, für den von Dir beschriebenen Weg aus Krisensituationen?

Ich möchte nichts verstecken. Die Menschen müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, was Schmerz wirklich bedeutet. Meine Musik ist wie ein Schrei, den man kaum hört, und doch wahrnimmt. Ich glaube, dass dir heute mehr Leute zuhören, wenn du flüsterst. Meine Musik ist leise und will gehört werden, soll deshalb aber kein Kontrast zu meinen Texten sein. Es ist ein Weg, um mit Menschen zu kommunizieren.

Dein Auftrittsort in Dachau scheint dann wie geschaffen für Dich. Du spielst in einer Kirche. Was bedeutet dir das?

Ich habe noch nie auf einer Tour in einer Kirche gespielt. Das Tolle an unseren Auftritten ist, dass es keine harten Rockkonzerte sind. Oft herrscht eine unglaubliche Atmosphäre, eine Stille, die man aus dem hektischen Alltag kaum mehr kennt. Der Zuhörer kommt zur Ruhe. Eigentlich ist eine Kirche für meine Musik das beste Umfeld.

Hast Du die Zeit, als die Beziehung mit Deiner Frau zu Ende ging, mit Deiner Musik verarbeitet?

Na ja, ich habe ein ganzes Album darüber geschrieben. Ich würde sagen: Musik hilft. Vielleicht kann Musik den Anstoß geben, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Oft ist ein Song die beste Medizin. Aber Musik kann nicht alles auffangen. Jeder wird an den Punkt kommen, an dem er seine Familie und Freunde braucht.

Hast Du mit Deiner Frau über Deine neuen Songs gesprochen? Die Texte auf Deinem Album hören sich oft wie eine Nachricht an sie an. 

Ich habe nicht sehr viel mit ihr darüber gesprochen. Ich glaube, es war mein Weg zu vergeben, um weiterzumachen. Ich versuche jetzt, besser Entscheidungen zu treffen, ein besserer Mensch zu sein. Ich habe in diesen Liedern nicht nach Antworten gesucht, habe keine Fragen gestellt. Ich wollte Antworten geben.

Das Interview führte Christoph Seidl

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