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Da kommt etwas auf uns zu: Der Cirque du Soleil entführt das Publikum mit „Ovo“ in die Welt der Insekten.

Zu Besuch beim Cirque du Soleil

Das große Krabbeln kommt nach München

Schmetterlinge fliegen durch die Luft, Spinnen tanzen übers Seil, und ein Ei gibt Rätsel auf: Mit der Show „Ovo“ entführt der Cirque du Soleil in die Welt der Insekten. In Pittsburgh haben wir uns das Spektakel angeschaut, das im Dezember nach München kommt.

Am Anfang ist ein riesiges Ei. Insekten erwachen, strecken ihre Glieder. Takte aus Beethovens fünfter Sinfonie ertönen. Ameisen jonglieren auf ihren Füßen übergroße Kiwis. Immer schneller drehen sich die Früchte, springen von einer Ameise zur nächsten, bis sich die Jongleure schließlich selbst durch die Lüfte werfen.

In schwindelnder Höhe fährt Qiu Jiangming kopfüber auf seinem Einrad auf einem Seil.

Der Cirque du Soleil ist kein normaler Zirkus. Hier gibt es keine dressierten Pferde oder gebändigten Löwen, nie betreten echte Tiere die Manege. Alles ist anders – und doch wieder nicht. Traditionelle Zirkuskunst wie Seiltanz, Trapez, Clownerie oder Jonglage bildet das Fundament. Aber es geht um mehr. Eine Welt wird erschaffen, eine Geschichte erzählt. 50 Artisten aus zwölf Ländern der Welt verwandeln sich für „Ovo“ in Insekten und entführen in ihren Kosmos, mal schnell, mal träumerisch, mal lustig, immer wieder atemberaubend halsbrecherisch.

Kompliziert ist die Handlung nicht. Käfer, Raupen und anderes Getier leben friedlich zusammen, bis ein Eindringling, ein Fliegenmann, das Miteinander stört. Viel Zeit zum Grübeln hat der Zuschauer nicht, die Show rast dahin. Seilkünstler Qiu Jiangming fährt kopfüber auf dem Einrad auf der Schnur, Trampolin-Artisten springen sich an der zehn Meter hohen Wand in Ekstase, Luftakrobatik lässt den Atem stocken. Dazwischen die Clowns Jan Dutler und Gerald Regitschnig, die als Fliege und Skarabäus für Lacher sorgen.

Das alles ist typisch Zirkus. Doch beim Cirque du Soleil sind die Dimensionen andere. Eine Produktion wie „Ovo“ bringt nicht nur neue Welten auf die Bühne, auch hinter den Kulissen verbirgt sich ein eigener Kosmos. Die Show ist mit einem enormen Aufwand verbunden. Sie kommt mit mehr als 20 Lastwagen ab September nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. „Das ist Rock’n’Roll“, sagt Mike Davis, der Bühnenmanager. 30 Techniker sind dabei, Schneider und Bühnenbildner, eine Live-Band. Berna Ceppas komponierte die Musik, sie vereint Bossa Nova, Samba, Funk und Elektro mit echten Insektengeräuschen. „Ovo“ ist die 25. Produktion des Cirque du Soleil, kreiert zum 25. Jubiläum und seit 2009 auf Tour. 2016 wurde sie von einer Zelt- in eine Arenashow umgewandelt. In diesem Format kann der Zirkus nun auch in Städten wie Nürnberg oder Leipzig gastieren. In München kommt „Ovo“ im Dezember in die Olympiahalle.

Sieben Tage bleibt die Show durchschnittlich an einem Ort. Der Alltag für die Akteure ist überall ähnlich. Auch an diesem Tag in Pittsburgh, acht Stunden vor Beginn. Ein Dutzend Waschmaschinen, die mit auf Reisen gehen, drehen sich im Backstage-Bereich des Petersen Events Centers der Universität von Pittsburgh. Alle Kostüme sind maßgeschneidert speziell für diese Produktion. Die Grillen haben riesige Sprungbeine, die noch auf Kleiderständern warten. Garderobenchefin Luana Ouverney überprüft sie täglich, bei den Kunststücken reißt schon einmal der Stoff.

Ameisen jonglieren in „Ovo“ mit Kiwi-Scheiben, bevor die Artisten selbst durch die Luft fliegen.

Doch außer dem Rattern der Maschinen herrscht hier konzentrierte Stille. Die Artisten bereiten sich im Fitnessbereich vor. Diesen Trainingsraum bauen die Techniker in jeder Stadt neu auf, riesige Gerüste mit Schwingen, Seilen, Matten, Trampolins. Es sieht so leicht aus, wenn das Schmetterlingsduo Catherine Audy und Alexis Trudel an einem Seil in halsbrecherischen Höhen seine Runden dreht. Ein Sicherheitsnetz gibt es nicht. „Meine Sicherheit ist mein Partner“, sagt Audy. Die 26-jährige Kanadierin war auf einer Zirkusschule und hat das knallharte Auswahlverfahren des Cirque du Soleil bestanden. „Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen.“

Die Talentsucher des Zirkus halten weltweit Ausschau nach Ausnahme-Talenten. Alanna Baker, 24, ist so eines. Die Londonerin war Wettkampfturnerin und WM-Teilnehmerin. Sie bezeichnet den Cirque du Soleil als perfekte Fortsetzung ihrer Karriere. Während die Schlangenfrau ihren Rücken maximal nach hinten beugt und den Kopf auf ihre Beine legt, sagt sie: „Wir sind wie eine große Familie.“ Auf der Bühne proben derweil die Trampolin-Künstler. Als einer der russischen Springer mit einem doppelten Salto in die Höhe schnellt und stehend auf der Mauer ankommt, jubeln alle.

Auch wenn der Cirque du Soleil wenig mit Wohnwagen und Zelten auf Dorfwiesen zu tun hat, ist Zirkusgeist spürbar. Bevor es zum Schminken geht, versammeln sich viele Künstler in der Kantine. Auf dem Speiseplan steht heute Gulasch mit Spätzle. Doch die meisten nehmen sich Salat, Obst oder Kaffee. Zwei Stunden vor der Show kommt Leben in die Garderobenräume. Sporthosen und T-Shirts werden gegen Schlangen-, Schmetterlings- und Käferkostüme getauscht. Bald füllen sich die Reihen der Arena, viele Familien sind da. Die Bühne ist in mystisch-blaues Licht getaucht. Am Anfang ist ein riesiges Ei. Die Show beginnt.

Aglaja Adam

Informationen:

„Ovo“ gastiert von 13. bis 17. Dezember in der Münchner Olympiahalle; Karten unter Telefon 01806/ 57 00 00.

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