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Ins Auge sticht das Sams (Christine Urspruch) mit seinen feuerroten Haaren – die eigentliche Hauptperson der Bücher von Paul Maar ist aber Herr Taschenbier (li.), in der Verfilmung gespielt von Ulrich Noethen.

Interview mit Autor Paul Maar

Zu Besuch beim „Sams“-Erfinder

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Wenn man ihm gegenübersitzt, mag man es kaum glauben – 80 Jahre alt wird Kinderbuchautor Paul Maar am 13. Dezember. Jetzt kommt „Das Sams“, die Verfilmung seiner legendären Buchreihe, digital überarbeitet erneut ins Kino.

Bamberg – Allein im deutschsprachigen Raum wurden bis heute 4,7 Millionen „Sams“-Bücher verkauft. Wir haben Paul Maar in seiner Wahlheimat Bamberg zum Gespräch getroffen.

Zu Beginn muss ich gestehen: Obwohl ich Jahrgang 1987 bin, habe ich als Kind „Das Sams“ nicht gelesen. Ein Erziehungsfehler meiner Eltern?

(Lacht.) Na ja, Sie sind ja trotzdem ganz gut geraten.

Gibt es also keinen Kinderbuch-Kanon?

Ach, ich denke nicht, dass man sich nach einem Kanon richten sollte. Die Interessen der Kinder gehen so weit auseinander. Es gibt welche, die lieben fantastische Geschichten, andere lieben Sachbücher, wieder andere mögen Abenteuer. Man soll die Kinder wählen lassen. Wichtig ist, ihnen zu zeigen, was es gibt.

Was könnte das Sams denn Kindern geben?

Das, was es wohl auch Erwachsenen gibt – den Mut zu mehr Selbstbewusstsein. Meine Hauptperson ist ja eigentlich nicht das Sams, sondern Herr Taschenbier. Ich kannte einen Menschen, der genauso war wie er – sehr angepasst, schüchtern, ängstlich, kontaktgestört. Den habe ich als Kind jeden Tag gesehen und gedacht: „Ach, wenn ich dem mehr Lebensfreude geben könnte!“ Konnte ich nicht, aber als erwachsener Autor konnte ich ihn wieder zum Leben erwecken und ihm ein Wesen zur Seite stellen, das alles hat, was er in sich trägt, aber nicht zulässt. Am Ende schafft er es dann doch, sich durchzusetzen. Das ist vielleicht, was Kinder lernen können aus den Sams-Büchern.

Mit dieser Botschaft sind Sie Mutmacher. Denken Sie manchmal darüber nach, welche Wirkung Sie auf Kinder haben?

Durchaus. Ich bekomme sehr viele Kinderbriefe und beantworte sie auch alle. Wenn ich sage, dass ich ein Beichtvater für viele Kinder bin, dann ist das stark übertrieben, aber sie teilen mir Dinge mit, über die sie wahrscheinlich sonst nicht sprechen. Und oft über den Umweg über das Sams. Ein Brief von einem elfjährigen Mädchen lautete sinngemäß: „Hallo Paul Maar, oft stelle ich mir vor, das Sams kommt zu mir und sagt: ,Du hast einen Sams-Wunschpunkt frei!‘ Dann weiß ich, was ich mir wünsche: dass der Papa von dieser doofen Frau weggeht und wieder zu uns kommt.“

Das ist ja herzzerreißend! Was antworten Sie denn dann?

Ich kann ihr nicht Hoffnung machen. Es wäre gelogen, wenn ich schreiben würde: Der kommt bestimmt wieder! Ich versuche, das behutsam zu beantworten, indem ich aus meiner auch nicht immer leichten Kindheit erzähle. Und dass ich trotzdem einen Weg gefunden habe, sogar Schriftsteller geworden bin. In dieser Art...

Wer hat Ihnen als Kind Mut gemacht?

Ich glaube, ich habe einen starken inneren Kern, der unverletzlich ist. Dadurch habe ich es geschafft, durch schwierigste Zeiten zu kommen.

Eine große Wirkung haben nicht nur die Sams-Bücher, sondern auch die Verfilmungen. Wie zufrieden sind Sie damit?

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es mindestens 15 Firmen gab, die das Sams verfilmen wollten. Derjenige, der immer Nein gesagt hat, war ich. Der Verlag hätte gerne Ja gesagt. Überzeugt hat mich schließlich Produzent Ulrich Limmer, ein begeisterter Sams-Fan. Er hat den gleichen Humor wie ich. Also habe ich unterschrieben – mit drei Einschränkungen: dass ich das Drehbuch selbst schreibe, dass ich ein Veto-Recht bei der Wahl des Regisseurs habe und ein Mitspracherecht bei den Schauspielern. Ich war täglich beim Dreh dabei – und gerade der erste Sams-Film ist genau so geworden, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.

Die Geschichte wirkt so modern, als wäre sie heute geschrieben worden. Wundert es Sie selbst, dass dies ein so zeitloses Werk geworden ist?

Ja, doch, da staunt man über sich selbst. (Lacht.) Auch beim Film haben wir versucht, diese Zeitlosigkeit herzustellen. Das Sams sollte nicht E-Gitarre spielen. Man weiß gar nicht so genau: Sind das die Fünfzigerjahre, oder ist das heute? Das einzige Auto, das man sieht, ist der Volvo von Herrn Taschenbier. Das Auto, das ich in den Achtzigern gefahren bin. Der rote Buckel-Volvo war mein Wunsch.

Heute gibt es ein viel größeres Angebot in der Kinderliteratur als zu der Zeit, als Ihre Karriere begann. Ist diese Vielfalt gut – oder wird zu viel zu schnell produziert?

Es wird zu viel produziert. Als ich angefangen habe, hat der Oetinger-Verlag im Frühjahr drei Bücher herausgebracht und im Herbst vier. Jetzt habe ich den neuen Katalog angeschaut, da erscheinen im Herbst ungefähr 80 Bücher, und die anderen Verlage übertreffen das, die bringen zum Teil 100 neue Werke. Das läuft nach dem Schrotflintenprinzip – und dann schaut man: 50 Prozent haben sich nicht verkauft, die nimmt man gleich wieder aus dem Programm. Das eine hat man gut verkauft, da bittet man den Autor, eine Fortsetzung zu schreiben. Die Verlage sagen zwar, sie lieben alle Bücher, klar. Aber wenn sie sich reduzieren würden auf sagen wir mal 20, die ihnen sehr am Herzen liegen, würden die sich besser durchsetzen.

Im Dezember feiern Sie Ihren 80. Geburtstag. Wenn bei Ihnen ein Sams mit drei Punkten im Gesicht daherkäme – welche drei Wünsche hätten Sie?

Ich bin Familienmensch und freue mich, dass es bis jetzt immer sehr harmonisch zuging. Ich würde mir deshalb wünschen, dass unsere Familie auch künftig so gut zusammenhält. Natürlich möchte man vor schlimmen Krankheiten verschont bleiben, weitere gute Ideen haben und schreiben können. Der dritte Wunsch wäre vielleicht – aber das kann man nur mithilfe des Sams –, dass man mich verdoppelt. Es gibt dann zwei Paul Maars. Der eine würde zu Hause sitzen, in aller Ruhe ein neues Buch schreiben und sich um die Familie kümmern. Der zweite würde alle Lesungswünsche erfüllen. Meine Bücher sind ja in über 30 Sprachen übersetzt. Ich bin eingeladen nach China, Arabien und in die Türkei. Alles sehr schöne Reisen, aber die kosten viel Zeit. Und dann gibt es noch deutsche Schulen, Buchhandlungen oder Bibliotheken, die ebenfalls anfragen. Ich muss ein bisschen haushalten mit meiner Kraft, deswegen sage ich viel ab. Der zweite Paul Maar würde dann eben herumreisen und alle Termine annehmen.

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