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Gipfeltreffen in Wien: Zubin Mehta und Christian Thielemann plauschten mit Feuilletonredakteur Markus Thiel (v.li.) über die ganz besondere Arbeitsbeziehung

Dirigenten und ihre Assistentinnen: Die Herren der Damen

Wien - Wie Assistentinnen von Star-Dirigenten mit ihren Chefs zurechtkommen, davon haben wir am Freitag berichtet. Nun drehen wir den Spieß um: Zubin Mehta und Christian Thielemann schwärmen von ihren „Ein-Frau-Agenturen“. Eine Begegnung in Wien.

Allein der Termin. Wann überhaupt sind zwei solche Superstars gleichzeitig an einem Ort? Wien ist der fast logische Schauplatz, konkret: eine Gaststätte im Viertel zwischen Stephansdom und Stadtpark, die von Lotte, einem Bilderbuch-Original („Auf Wiedersehen, Herr Botschafter!“), seit 31 Jahren befehligt wird. Für Christian Thielemann ist dies ein Stammlokal, für Zubin Mehta ein Novum. Prompt verspätet er sich um gut zehn Minuten: „Ich hatte einen indischen Taxifahrer.“

Ein Interviewer wird zunächst nicht gebraucht. Wie oft er denn seine Assistentin anrufe, will Mehta sofort wissen. 15 Mal pro Tag, schätzt der Kollege. „Allerdings möchte sie auch zwischendurch mal ein paar Tage frei haben, da sind wir uns ganz ähnlich.“ Fast demonstrativ wartet also das Smartphone neben dem Teller von Vieltelefonierer Thielemann. Bei Mehta liegt am gleichen Ort die Speisekarte: „Ist das Backhuhn gut?“ Lotte: „100-prozentig, ich werd’s essen, wenn’s Ihnen ned schmeckt."

Katharina Wagner: Bayreuths schöne Festspiel-Leiterin

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Schnell wird auch in diesem Gespräch klar: Über Sekretariatsaufgaben sind Natalia Ritzkowsky im Falle Mehtas und Katrin Schirrmeister im Falle Thielemanns hinaus. Letztere packt schon mal Auktionskataloge für den kunstliebenden Chef ein und redet bei Sänger-Besetzungen ein Wörtchen mit, Natalia Ritzkowsky feilscht. „Sie kämpft für mich, auch um Gagen“, grinst Mehta. „Die Wiener Philharmoniker bezahlen sowieso, was sie wollen. Und zu jedem Dirigenten sagen sie: Sie bekommen die Höchstgage. Was brauche ich da eine offizielle Agentur!“

„Wie sie mit den Leuten umgeht – die ganze Musikwelt liebt sie!“

Assistenz oder Agentur – für beide Pultstars hat sich die Frage relativ früh erledigt. Mehta hat letztmals im Jahre 1964 auf die Dienste einer Agentur vertraut, Thielemann findet die Korrespondenz mit solchen Vertretern mehrerer Künstler „viel zu umständlich“. Man schätzt eben den direkten, persönlichen, familiären Kontakt mit der jeweiligen professionellen Dame des Herzens. Ob die manchmal sogar mehr als die Familie weiß? „Sehr private Dinge“ bespreche man gern, formuliert es Thielemann vielsagend. „Wir sind aber beide diskret – und schweigen bei heiklen Sachen. Wenn es Frau Schirrmeister mal nicht so gut geht und sie das signalisiert, dann frage ich auch nicht gleich: Na, Streit mit dem Lover?“

Promi-Schaulaufen in Bayreuth

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Da wird nun der Gesichtsausdruck von Zubin Mehta ungläubig. „Okay, wenn ich zu viele Termine habe, ist Natalia streng zu mir. Aber wann sie Krach hat, weiß ich nicht. Ich glaube, sie hat noch nie Krach mit irgendjemandem gehabt, auch nicht zu Hause! Wie sie mit den Leuten umgeht – die ganze Musikwelt liebt sie!“ Kein böses Wort habe es seit Beginn ihrer Beziehung im Jahre 1997 gegeben. Harmoniemensch Mehta sucht seine Schlachten lieber auf kulinarischem Gebiet. Eine kleine Dose wird aus dem Sakko gekramt, verborgen vor Lottes Blicken. „Möchtet ihr was?“ Kleine Chillischoten. Thielemann winkt ab. „Neee, wirklich nicht.“

Einig sind sich beide in einer Sache: Ein Assistent, das würde nicht funktionieren. Eine Frau müsse sein. Menschlich sei das besser, meint Mehta. „Da kann ich viel offener sein.“ Der Kollege sieht die Sache umfassender. Schließlich gehe er auch lieber zu einer Masseurin als zu einem Masseur. „Frauen sind einfühlsamer, zäher, belastbarer und können zielgerichteter zudrücken.“ Zuckerbrot und Peitsche, dieses Doppelgesicht braucht demnach eine Dame in solcher Position. „Vor zudringlichen Leuten“ habe Natalia Ritzkowsky ihren Chef schon einige Male beschützt. Heftiges Nicken von Thielemann. Bis ins Hotel werde man ja manches Mal verfolgt. „Frau Schirrmeister ist sehr höflich, kann aber, wenn’s drauf ankommt, schon ziemlich unpopulär werden.“ Lotte ist wieder am Tisch. „Möhlspeis’?“, fragt Mehta in fast perfektem Weanerisch in die Runde. Doch nichts geht mehr. Was den Ehrendirigenten der Münchner Philharmoniker nur bestärkt. Schokolade? Palatschinken? Aber bitte mit Extra-Schlagobers. Und überhaupt: „Eigentlich solltest Du heute die Münchner hier dirigieren“, sagt Mehta. „Ich habe Deine Wiener Konzerte übernommen!“ Ein knappes „Genau!“ kommt zurück. Thielemann und die Münchner Querelen – man will sich ja nicht das Dessert versauen.

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Trotz aller gegenseitigen Liebe und Wertschätzung: Assistentin und Star-Dirigent, da treffen zwei Lebenswelten, ja zwei Universen aufeinander. Hier der Umjubelte am Pult, dort diejenige, die am Schreibtisch die Voraussetzungen dafür schafft. Das Stille, Verborgene – lockt das nicht manchmal die beiden Dirigenten? „Ich bin nicht neidisch auf sie“, sagt Christian Thielemann. „Ich klinke mich ja oft aus meinem Beruf aus.“

„Wir sind aber beide diskret – und schweigen bei heiklen Sachen.“

Ausklinken, Freizeit, weg vom Pult, das nun driftet bei Mehta zuweilen in den Albtraum. „Meine Frau will nie in Museen.“ Also habe er sich schon im Dickicht Ruandas wiedergefunden, wo er, unterstützt von einem Machetenmann, auf die Pirsch musste. Gorillas anschauen. „Ist doch keen Urlaub“, unterbricht Thielemann. „Sag’ ich doch“, gibt Mehta zurück. „Danach habe ich in New York Bruckners Achte dirigiert, und als das Adagio anfing, dachte ich: endlich Ruhe!“

Katrin Schirrmeister ist inzwischen im Lokal eingetroffen. Oft begleitet sie ihren Chef auf der Tournee, während Mehtas Assistentin alles von daheim aus erledigt. „Wir unternehmen jetzt einen Spaziergang, gehen dann ins Café, machen ein wenig Business und tratschen“, sagt Thielemann. „Man muss das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.“ Mehta möchte ins Hotel. Ein bisschen ausruhen vor dem Konzert, der Terminplan ist in diesen Wochen voller denn je. Erstmals habe er ein Privatflugzeug mieten müssen. „Sogar den Namen des Piloten hat Natalia mir aufgeschrieben.“

Zuvor möchte Lotte noch ein Foto. Sie zwischen den Stars. „Woher hast Du das tolle Lokal?“, fragt Zubin Mehta den Kollegen. Ganz sicher werde er wiederkommen, was ihm ein erfreutes „Siehste!“ Christian Thielemanns einträgt – und eine erstaunte Frage: „Hast Du etwa schon für uns bezahlt?“ – „Natürlich, in Wien bin ich daheim.“

Von Markus Thiel

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