Unkomplizierter, kollegialer Pultstar: Zubin Mehta war von 1998 bis 2006 Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper. foto: dpa

Zubin Mehta: Der Mann für alle Spektakel

Er selbst charakterisiert sich als „freundlichen Kulturpolizisten" - womit alles über seine Arbeitsweise gesagt ist. Heute feiert Zubin Mehta, der ergraute Sonnyboy der Dirigentenszene, seinen 75. Geburtstag.

Es ist das Klassikereignis des Jahres. Alle drei Münchner Spitzenorchester und -chöre stemmen am kommenden Montag als Japan-Benefizkonzert Beethovens Neunte. Und in Frage kam für den Abend im Grunde nur ein Dirigent. Weil Zubin Mehta als Mann für alle Events gilt. Aber auch, weil er ein bemerkenswert unkomplizierter Pultstar ist. Ob Freiluft-Spektakel oder Sekundant der drei Tenöre, ob Wagners „Ring“ in wenigen Tagen oder Einspringen innerhalb weniger Stunden: Sobald sich ein weißer Fleck im Terminkalender findet, ist Mehta für (fast) alles zu haben.

„Hinhören, zuhören und auf Erfahrungen von Musikern zurückgreifen“, das empfiehlt Mehta den Berufsgenossen. Ein kollegialer Star ist dieser gebürtige Inder, der 1936 im heutigen Mumbai zur Welt kam. In München profitierten davon die hiesigen Philharmoniker, die Mehta den Titel Ehrendirigent verliehen, besonders aber das Bayerische Staatsorchester: Mehta war von 1998 bis 2006 Generalmusikdirektor der Staatsoper - und wurde nicht müde zu betonen, wie viel er vor allem in Sachen Wagner von den Musikern gelernt habe.

Erst mit seiner Verpflichtung kam seinerzeit die Ära von Intendant Sir Peter Jonas so richtig in Fahrt. Und Mehta ließ sich vom Repertoire her kaum festlegen. Ob Wagner-Premiere, Mozarts „Figaro“ als Repertoire-Serie oder die Uraufführung von Reimanns „Bernarda Albas Haus“ - auf alles war er neugierig. Und demnächst wird der Omnipräsente sogar an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren: Der Ex-Chef dirigiert im Dezember eine Neuproduktion von Puccinis „Turandot“.

Zubin Mehta, der wie Claudio Abbado oder Mariss Jansons die österreichische Dirigentenschmiede von Hans Swarowsky durchlaufen hat, wurde durch den Wiener Stil, den so unverwechselbar warmen, substanzreichen, stets ein wenig „g’schlamperten“ Orchesterklang geprägt. Ein Klang, den er auch später in seinen Chefpositionen beim Los Angeles Philharmonic Orchestra, beim Israel Philharmonic Orchestra und beim New York Phiharmonic Orchestra einforderte.

Für seine so elegante wie genaue Schlagtechnik ist er bei Musikern wie bei Solisten und Sängern äußerst beliebt. Ein vergrübelter Analytiker war Mehta dabei nie. Dieser ob im Privatleben oder auf der Bühne so lustvolle Barockmensch erfühlt ein Werk eher instinktiv, oft auch spontan. An seinen besten Abenden gelingen diesem Kulinariker überrumpelnde, hochemotionale Interpretationen, von denen sich Musiker und Zuhörer gern mitreißen lassen.

„Regelrecht alles“ sei ihm in den Schoß gefallen, sagt Mehta. Dabei sah es zunächst gar nicht nach einer Musikerkarriere aus. Sein Vater Mehli Mehta, ein Geiger und Dirigent, gründete zwar seinerzeit das Bombay Symphony Orchestra. Doch die Eltern drängten den älteren von zwei Söhnen zu einer Medizinerlaufbahn. „Es wird mir nicht gefallen“, beschied Zubin Mehta seinem Vater knapp. „Ich muss Musiker werden.“ Und der Papa gab nach.

Nicht nur als Interpret ist Mehta umtriebig: Seit Jahrzehnten setzt er sich für den nahöstlichen Friedensprozess ein, tritt damit jedoch weniger lautstark, konfliktbereit und PR-trächtig wie sein Freund Daniel Barenboim auf. Das Israel Philharmonic Orchestra ernannte ihn dafür zum Musikdirektor auf Lebenszeit.

Wo seine Heimat liegt, das kann Mehta selbst nicht genau beantworten. In seiner knappen Freizeit hält er sich meist in seinem Haus in Los Angeles auf. Doch Kraft und Lebenselixier schöpft Zubin Mehta weniger aus Ruhephasen, sondern aus seiner Profession. Ein Workaholic also, dem man die zig Termine pro Spielzeit aber nicht ansieht, im Gegenteil. Mehta braucht das Rampenlicht und das Aufgehen in der Musik - manchmal auch aus anderen Gründen, wie er ironisch anmerkt: „Bei Bruckners achter Symphonie kann ich mich wunderbar vom Urlaub mit meiner Frau erholen.“

von Markus Thiel

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