Szene aus dem „Nussknacker“ – Märchen, Ballett und Marionettenspiel – mit 100 Figuren – in einem.

zum 100-jährigen Bestehen

Die Zuckerfee braucht vier Spieler

München - Das Salzburger Marionettentheater feiert sein 100-jähriges Bestehen und zeigt „Hänsel und Gretel“ sowie „Nussknacker“ live und auf DVD mit vielen Infos.

Märchen und Puppen – wenn auch heute zum Teil ersetzt durch Barbie, Playmobil und Videospiel – sind für Kinder immer noch die besten Helfer auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Mit Märchen und den feinsten Gliederpuppen führt das Salzburger Marionettentheater kleine Menschen – große selbstverständlich auch – wunderbar spielerisch sogar an Musik und Ballett heran. Auch ein Musical und ein Shakespeare-Stück bietet das vor allem auf Oper spezialisierte Repertoire. In genau zwei Monaten kann dieses von Anton Aicher am 27. Februar 1913 gegründete Ensemble stolzes 100. Bestehen feiern. Es ist übrigens eines der wenigen Marionettentheater mit einem eigenen Haus. Der barocke Theatersaal hat Platz für 350 Zuschauer. Ein Anreiz zu einem Besuch sind die beiden vorliegenden DVDs.

Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ erzählt in Hinrich Horstkottes Inszenierung klar und eingängig die Geschichte der armen Besenbinder-Kinder, die, auf Beerensuche geschickt, von der bösen Knusperhexe gefangen werden. Und dass die Oper zugespielt wird, die Stimmen ja „Fremd-Stimmen“ sind (unter anderen der kraftvolle Sopran von Annette Dasch für die Gretel, leider nicht immer textverständlich), vergisst man bald. Denn die Marionetten bewegen sich körpersprachlich ganz stimmig in Rhythmus und Phrase der Musik und den Liedern, ob „Suse, liebe Suse“ oder auch „Brüderchen, komm tanz mit mir“.

Da steckt natürlich die große Kunst der Puppenspieler dahinter, die auf einer oberen, nicht sichtbaren Spielbrücke die vielen Fäden einfühlsamst führen.

Klug gemacht und rundum allerliebst ist das „Nussknacker“-Ballett nach E. T. A. Hoffmanns „Der Nussknacker und der Mäusekönig“. Obgleich Tschaikowskys Musik und die Handlung gerafft sind, bleibt das Märchen bei Regisseur Klaus Gmeiner dicht am Original: die feiernde Weihnachtsgesellschaft, Fritz und Schwester Klara, in deren Traum sich Onkel Drosselmeiers Nussknacker-Geschenk in einen Prinzen verwandelt – alles da. Und alle Marionetten, wunderhübsch von Kopf bis Biedermeierkostüm und Ballerinentütü, auf Spitze und Schlittschuh – dazu Mäuse, Vögel, Wölkchen, Rohrflöten, Schneemänner – tanzen, flattern, schweben und trippeln (Choreographie: Leonard Salaz). Und, kaum glaublich, selbst richtiges Ballett-Vokabular, ob Arabeske, Pirouette oder hoch und weit über die Bühne immerhin ein sogar drei Meter federndes „Jeté“, beherrschen diese grazilen „Darsteller“. Und wieder dank Musikalität, Muskelkraft und Präzision der Puppenspieler.

Im Bonusteil erfährt man von Gretl Aicher, der 81-jährigen Enkelin des Theatergründers und bis Ende 2012 noch die Leiterin, wie schwierig und anstrengend das Bewegen der Marionetten ist. Am anspruchvollsten sei die Marionetten-Technik bei einem Ballett. Obwohl „Nussknacker“ schon 31 Jahre im Repertoire ist, müsse es vor jeder Vorstellung penibel geprobt werden. Was gut nachvollziehbar ist: Für die im „Nussknacker“ eingesetzten hundert Marionetten (von insgesamt fünfhundert im Theater-Fundus) und die wechselnden Kulissen, ist das ganze Team von elf Puppenspielern im Einsatz. Allein die Zuckerfee (ursprünglich entworfen als Ballerinen-Legende Anna Pavlova), braucht für Kopf, Arme, Hände und Beine vier „Beweger“. Da muss das Zusammenspiel taktpräzise harmonieren. Das gelingt nur mit vollkommener Hingabe an diesen Beruf und die Marionetten, die, samt Kostüm, von den Spielern hergestellt und auch repariert werden.

Der „Nussknacker“, eine DVD zum Schwärmen und Lernen: Im Begleitheft findet der Leser in der linken Spalte die Handlungsbeschreibung, in der rechten, wie die Musik die Handlung spiegelt, plus Notenbeispiele zum Selberspielen oder Mitsingen.

Von Malve Gradinger

Salzburger Marionettentheater:

„Hänsel und Gretel“, „Der Nussknacker“ (BelAir edition). Im Salzburger Stammhaus, Schwarzstraße 24: 28. 12. „Nussknacker“, 16 Uhr (Kurzform), „Hänsel und Gretel“, 19.30 Uhr; am 29. 12. „Hänsel und Gretel“, 16 Uhr (kurz), am 30. 12. „Nussknacker“, 19.30 Uhr; Tel. 0043/662/87 24 06.

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