Zufalls-Zweisamkeit

- Es ist das Intelligenteste, was in den letzten Jahren in München choreographiert wurde: Katja Wachters "Pseudocouples" (Akademietheater). Ihre "Pseudo-Paare" bewegen sich nicht - das allein schon erholsam - auf dem bereits total abgetrampelten Tanztheater-Pfad "Lieb-mich-hass-mich". Es waren Becketts isoliert-verbundene Abhängigkeits-Paare wie Hamm und Clov, Mercier und Camier et cetera, die sie inspirierten zu einer Recherche der Zufalls-Zweisamkeit von Menschen und Dingen.

<P>Auf einer Schneise aus Licht (Karl Schlagenhaufer) eilen im Stop-and-go Wachters Tänzer quer über die Bühne. Immer wieder. Namenlose Passanten wie in einem ruckenden Film. </P><P>Im elektronisch forträdernden Motorengrollen, Klopfen und hellem Gongen (PC "Nackt" Christensen) würfelt dann irgendein Godot die Singles zu Paaren zusammen: den grazilen Koreaner Keun Tae Park und den kompakten Helmut Ott, Katja Wachter und Brit Rodemund, Christiane Schauer und eine Zwölfjährige, Katrin Schafitel und den Sänger Christian Sturm. Sicher: keine ganz neue Errungenschaft, wenn Sturm mit schöner Renaissance-Stimme und zugleich als heftig bewegter Tänzer seine Zufalls-Partnerschaft pflegt.<BR><BR>Es ist Katja Wachters gescheites Finden von vielen Paar-Möglichkeiten: zwei im aneinander gefesselten Clinch rudernde Gefährten. Jeder des anderen Stütze und zugleich Fessel. Das kindliche Spiegelbild gegenüber dem "erwachsenen Ich". Sehr präsent führt Clarissa Vogl (aus der Iwanson-Kinder-Leistungsgruppe) all ihre verschlungenen Armführungen aus.</P><P>Auf Becketts Spuren</P><P>Jugend und Reife, Schwäche und Stärke, Zwangsjacke einer Bindung und Auflehnung dagegen, mit diesen Seinszuständen spielt die Choreographin und negiert (frei nach Beckett) am Mikrofon auch sogleich wieder - "Nein falsch" - jegliche getroffene/ zu treffende Entscheidung. Oder hebt ins Heitere ab, wenn in den diversen hereingetragenen Beleuchtungsobjekten zwei Nachttischlämpchen sich still-unverhofft zueinander gesellen. Und einer die kunterbunt aus den Kulissen lancierten Schuhe zu Paaren ordnet.<BR><BR>Aber all das wäre nur korrektes Durchspielen von Thema und Variation - ohne Wachters so vielfältige Transformation in Tanz. Hier hat sie sich noch einmal gewandelt, weg von dem Dauerfluss der Kontakt-Improvisation. Und diese bei ihr so noch nicht gesehenen scharfkantigen, zugleich gebrochen-zerbrechlichen Bewegungen lassen, wie immer weit entfernt, etwas von Becketts Universum durchscheinen. V</P><P>erdorbene Dauer-Zapper hätten das Ende gern ein bisschen früher gehabt. Aber spätestens bei Wachter & Selfish Shellfish Company muss Schluss sein mit der Tradition, den Tanz in München schlecht zu reden. <BR></P>

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