Zufriedene Wagner-Schwestern

Bayreuth - Der erste Auftritt der beiden künftigen Chefinnen am "Grünen Hügel" in Bayreuth währte nur wenige Minuten. Neues war von Eva Wagner-Pasquier (63) und ihrer Halbschwester Katharina (30) nicht zu hören.

"Ich bin auf jeden Fall zufrieden", sagte die ältere der beiden nach dem klaren Votum des Stiftungsrates der Bayreuther Festspiele. 22 von 24 Stimmen entfielen auf die Töchter von Wolfgang Wagner. Lediglich zwei Vertreter enthielten sich der Stimme, darunter der Stamm des 1966 gestorbenen Wieland Wagners.

Dessen Tochter Nike (63) und gescheiterte Konkurrentin um den Chefsessel sprach anschließend von einer befremdlichen Prozedur. "Dass Gremienvertreter mit festen Meinungen in Sitzungen gehen und sich auch durch Argumente nicht erschüttern lassen, ist leider keine gute Inszenierung", erklärte sie traurig. Wie ihr Bruder Wolf Siegfried wünschte sie ihren Cousinen aber viel Erfolg bei der gemeinsamen Leitung der Festspiele. Nike äußerte die Hoffnung, dass ihr gemeinsames Konzept mit Gérard Mortier trotzdem nicht in den Wind gesprochen ist. "Profunder, weitsichtiger wurden nur selten die Perspektiven für Bayreuth aufgezeigt", lobte sie sich selbst und ihren künstlerischen Partner.

Obwohl sich die Mehrheit des Stiftungsrates bereits im Vorfeld für die beiden Wagner-Töchter ausgesprochen hatte, sei die Entscheidung nicht leichtgefallen, räumte Stiftungsratschef Toni Schmid ein. "Der fulminante Vortrag des Herrn Mortier hat uns sehr beeindruckt", meinte er. Entscheidend sei letztlich gewesen, dass Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner mit ihren 63 beziehungsweise 30 Jahren quasi zwei Generationen verkörpern. Nike Wagner und Gérard Mortier hingegen seien beide über 60. Angesichts der weitreichenden Vorausplanungen bei den Festspielen würde ihre gestalterische Kraft erst nach 2015 zum Tragen kommen - "dann wären sie sieben Jahre älter", sagte Schmid. Problematisch sei für viele auch gewesen, dass Mortier 2009 zudem die Leitung der New York City Opera übernehmen werde.

Der Entscheidung des Stiftungsrates am Montag war ein Ringen von Wagnerschen Dimensionen vorausgegangen. Der neunjährige Streit um die Nachfolge von Wolfgang Wagner trug teils dramatische, teils auch groteske Züge. Die Hauptrolle spielte hinter den Kulissen Wagners zweite Frau Gudrun, die Eva, Wolfgangs Tochter aus erster Ehe, bei ihrer Heirat 1976 praktisch vom "Grünen Hügel" gejagt hat.

Mit dem zunehmenden Alter ihres Mannes wurde die Mutter von Katharina immer dominanter. Für seine 25 Jahre jüngere Frau Gudrun wollte Wagner 1999 von seinem lebenslangen Vertrag zurücktreten. Der Stiftungsrat aber nominierte schon damals Wagner-Pasquier. Daraufhin bezichtigte Wagner seine Tochter der Unfähigkeit und verweigerte seinen Rücktritt unter Hinweis auf seinen lebenslangen Vertrag.

Der folgende Machtkampf zwischen Wagner und dem Stiftungsrat hatte teils operettenhafte Züge. Der bayerische Kunstminister Hans Zehetmair (CSU) warf Wagner damals Unbeweglichkeit und Starrsinn vor. Die Politiker bissen sich an dem fränkischen Dickschädel die Zähne aus.

Fast sieben Jahre vergingen in einer Art Waffenstillstand, den Wagner nutzte, mit dem Theater-Provokateur Christoph Schlingensief als "Parsifal"-Regisseur für Aufsehen zu sorgen und seine Tochter Katharina mehr und mehr am "Grünen Hügel" zu etablieren. Anfang November 2007 reichte die damals 29-Jährige ihre Bewerbung mit dem "Hügel"-Dirigenten Christian Thielemann ein. Nur wenige Wochen später starb überraschend die 63-jährige Gudrun Wagner. Ihr tragischer Tod ebnete den Weg zur Versöhnung zwischen Vater und Tochter Eva und schließlich zur gemeinsamen Bewerbung der beiden Halbschwestern. Am 8. April 2008 signalisierte der altersschwache Wagner seine Bereitschaft zum Rücktritt und schlug seine beiden Töchter als geeignete Nachfolgerinnen vor.

So endete die Tragikomödie um die Nachfolge Wagners schließlich mit einem Happy End für den Alten und seine beiden Töchter. Es gibt nur eine Verliererin: Nike Wagner, die bis zuletzt vergeblich versucht hatte, das Rennen zu machen. Eva Wagner-Pasquier kehrt nach 32 Jahren auf den "Grünen Hügel" zurück. Das sei "mit viel Sentimentalität verbunden", sagte Eva. Sie und ihre Schwester seien sehr erschöpft von dem "Wahnsinns-Gezerre" der vergangenen Wochen, aber auch glücklich und erleichtert.

Streit, wer auf dem Stuhl des Vaters Platz nehmen darf, werde es zwischen den Schwestern nicht geben. "Wir können uns auch den Stuhl teilen", sagte die Jüngere scherzhaft und die Ältere konterte: "Oder wer zuerst da ist." Ein Leben lang möchte keine der beiden die Fäden am "Grünen Hügel" in der Hand halten. "Es gibt auch andere Stätten, die sehr schön sind. Lebenslänglich wäre für mich wirklich ein Alptraum", sagte jedenfalls Katharina.

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