Von der Zukunft abgeschnitten

- Der Freistaat Bayern hat in seiner Verfassung die Kultur-Verpflichtung verankert. Warum ist dann ausgerechnet die Denkmalpflege, eine der bedeutendsten Grundlagen der Kultur, zum Stiefkind geworden? Sind unsere Gesellschaft und Politik so kulturvergessen, dass sie unser Erbe, unsere Wurzeln leichtfertig aufgeben? Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege unter Generalkonservator Egon Johannes Greipl musste erneut Budget-Einschnitte hinnehmen. Und das, obwohl das für Bayerns Kulturlandschaft lebenswichtige Amt von 1990 bis heute von 22 Millionen Euro auf unter fünf Millionen Euro ausgezehrt wurde. Das heißt die operativen Mittel der Baudenkmalpflege wurden um 80 Prozent gekürzt. Darüber hinaus sollen bis 2008 25 Stellen wegfallen.

Die Etat-Zahlen sind dramatisch. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Greipl: Kommende Woche haben wir ein Krisengespräch mit dem Wissenschaftsministerium. Wir stellen dar, welche Folgen die Sparvorgaben haben, und überlegen, wie die Schadensminimierung ausschauen könnte, welche Projekte nicht mehr realisiert werden können. Die druckreifen Arbeiten über Traunstein oder Coburg zum Beispiel können nicht mehr herausgegeben werden. Wichtig ist auch, wie wir uns verhalten, was das Jurahaus-Mehrjahresprogramm in Eichstätt angeht. Das ist die am meisten bedrohte Art - was tun? Ein weiteres Problem: Kann das Projekt der Revision der bayerischen Denkmalliste weitergehen? Außerdem: Können wir bei der High Tech Offensive der Staatsregierung noch mitmachen? Bei der Krisensitzung müssen wir das Notprogramm entwickeln. Und den Haushalt 2007/ 08 besprechen, damit wir wieder Mittel zur Verfügung haben. Jetzt sind wir nicht mehr handlungsfähig. Am schlimmsten ist, dass uns der Weg in die Zukunft versperrt ist. Diese Kürzungen sind ein Schlag in die Kniekehlen.

Wo bleibt die Lobby, die sich für Denkmalpflege einsetzt?

Greipl: Das ist das Thema der Akzeptanz der Denkmalpflege. Sie ist gering. Außerdem sind die gesetzlichen Grundlagen unzureichend. Wahrscheinlich ist auch unsere Öffentlichkeitsarbeit nicht wirksam genug.

Finanzminister Faltlhauser engagiert sich ja sehr für "seine" Schlösser, auch fürs Cuvillié´stheater. Wieso ist er nicht Ihr Mitstreiter geworden?

Greipl: Ich vermute, dass da gilt: Das Hemd ist mir näher als der Rock.

Denkmalpflege ist nicht nur Tradition, Geschichte und kulturelle Selbstvergewisserung, sondern auch wichtig für den Tourismus und die örtlichen Firmen und Handwerker.

Greipl: Ich begreife auch nicht, warum Denkmalpflege nicht als Investitionsförderung gesehen wird. Sicher, die politischen Entscheidungsträger, die Parlamentarier sehen immer nur ein Prozent der Probleme; und wenn sich jemand beschwert, bekommen sie nur mit: Denkmalpflege macht Ärger. Das Positive wird erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Wenn das Denkmal fehlt. Wenn es in unseren Dörfer nur noch ein einziges Denkmal gibt - die Kirche. Wenn das Positive zerstört ist, fällt es auf. Aber was weg ist, ist weg! Es ist nicht ersetzbar und nicht rekonstruierbar.

Warum hat sich der Mittelstand nicht gegen die Einschnitte gewehrt? Die treffen ihn doch direkt.

Greipl: Ich habe auch einen lauten Aufschrei erwartet - wie bei dem Kürzungsversuch für Trachten oder jetzt bei der Erwachsenenbildung. Einschlägige Untersuchungen haben gezeigt, dass die Denkmalpflege-Aufträge für die Mittelständler hochbedeutend sind. Das betont auch Heinrich Traublinger von der Handwerkskammer immer.

Wie steht der bayerische Denkmalschutz jetzt im Vergleich zu den anderen Bundesländern da?

Greipl: Bayern war mal der Vorreiter, war das Admiralsschiff der Denkmals-Flotte. Bei der Bodendenkmalpflege sind wir nun das Schlusslicht. Wir sind nicht mehr beispielgebend.

Wie werden - ganz konkret - die Verluste an Denkmalschutz aussehen?

Greipl: Ich war gerade im Bayerischen Wald. Dort wurde ein Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert wunderbar hergerichtet. Wir gaben einen Zuschuss von 40 000 Euro, neben Steuervergünstigungen und Geld vom Bezirk. Wenn das nicht möglich gewesen wäre, hätte der Besitzer das Gebäude nicht restauriert. Oder bei Grabungen: Wir können die Grundstückseigentümer nicht mehr angemessen entschädigen. Es gibt Notgrabungen - oder alles wird zerstört, ohne dass die Spuren dokumentiert werden. Unsere Geschichte ist dann verschwunden. Man muss bedenken, dass 99 Prozent der Geschichte des bayerischen Raums im Boden liegt und nicht in schriftlichen Dokumenten. Diese Spuren müssen wir "lesen". Wenn die Befunde beseitigt werden, dann geben wir unser Wissen preis. Wie ein Naturwissenschaftler der alle seine Forschungsergebnisse wegschmeißt.

Was tut Ihnen am meisten weh in dieser Situation?

Greipl: Dass wir von der Zukunft abgeschnitten werden: Wir haben 120 000 Denkmäler in Bayern, 60 000 Bodendenkmäler. Die Liste ist 30 Jahre alt und nie mehr überprüft worden. Aber es hat sich gewaltig viel geändert. Was ist noch Denkmal? Was ist neu entdeckt worden? Der gegenwärtige Stand sollte in einer Datenbank verfügbar gemacht werden. Wir könnten jetzt die digitalen Karten und Luftbilder des Landesvermessungsamtes benutzen und dort die Denkmäler eintragen. Sie wären im Netz und könnten ständig aktuell gehalten werden.

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