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Im Grunde war er ein einsamer Mann, sagen viele, die Leonard Bernstein (1918-1990) kannten - deshalb auch seine fast manische Suche nach privater und beruflicher Nähe.

WÜRDIGUNG EINER MUSIKLEGENDE

Leonard Bernstein zum 100. Geburtstag: Das maßlose Genie

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Leonard Bernstein war mehr als ein Dirigent. Er war ein befeuerndes, animierendes, schrankenlos emotionales und damit angreifbares Gesamtkunstwerk. Eine Würdigung zum 100.

Konzertkleidung war Pflicht, auch an diesem Vormittag, auch zur Generalprobe. Schließlich sollten die Kameras des Bayerischen Rundfunks alles aufzeichnen, falls abends bei der Übertragung etwas nicht klappt. Leonard Bernstein hielt sich daran, auf seine Weise. Frackjacke, Hemd – und eine Blue Jeans, auf deren Gesäßtasche die Buchstaben „LB“ silbern blinkten. Bis weit ins hintere Parkett des Kongresssaals war das zu sehen. Eine Mixtur aus Eitelkeit, Senioren-Coolness und selbstironischem Protest.

Franz Schuberts große C-Dur-Symphonie, davor die zweite von Charles Ives, das war 1987 nur eines von vielen Programmen, das Bernstein mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks realisierte. Es muss eine besondere Liebe gewesen sein, die den Dirigenten, dessen 100. Geburtstag an diesem Samstag gefeiert wird, mit München verband. Noch heute bekommen Musiker leuchtende, wahlweise feuchte Augen, wenn man sie auf all dies anspricht. Die Höhepunkte? Zwei gab es wohl. Der eine ein auf mehrere Abende und in seine drei Akte gesplittetes Wagner-Projekt: „Tristan und Isolde“ 1981 im Herkulessaal mit Peter Hofmann und Hildegard Behrens. Der andere am ersten Weihnachtstag 1989 und kurz nach der Wende Beethovens Neunte im Berliner Schauspielhaus. Aus „Freude“ wurde „Freiheit schöner Götterfunken“. Ein eigentlich unverzeihlicher Eingriff in Schillers Ode – wer wollte das Bernstein verübeln?

Leonard Bernstein probt mit Hildegard Behrens 1981 für „Tristan und Isolde“ in München.

Aus Emphase, Leidenschaft und Bekenntnis war das geboren. Wie eigentlich das meiste bei Bernstein, der sich schlecht als bloßer Dirigent bezeichnen lässt: Er war ein befeuerndes, animierendes, schrankenlos emotionales und damit angreifbares Gesamtkunstwerk. Ein Mann, der auch darunter litt, dass er als Sonderling der Klassikszene angesehen wurde und dass alle Welt „nur“ von seiner „West Side Story“ sprach. Bernstein, der 1918 als Sohn jüdisch-ukrainischer Einwanderer im US-Staat Massachusetts geboren worden war, wollte als „ernster“ Komponist akzeptiert werden. Als einer, der nicht sehnsüchtig zurückblickte auf Vergangenes oder sich im Unterhaltungsbereich tummelte, sondern die Moderne voranbrachte, angereichert um stilistische Einflüsse aus dem Multikulti-Kosmos Amerikas.

Alle Konzerte wurden bei ihm zu Bekenntnissen

Schon bald wurde er zum Antipoden Herbert von Karajans stilisiert. Worüber beide, die einander respektierten (und bei derselben Plattenfirma unter Vertrag standen), nicht glücklich waren. Aber die Unterschiede waren einfach zu groß. Hier der sich unnahbar und genialisch gebende, Musik als ästhetisches Phänomen begreifende Österreicher, der zweimal in die NSDAP eingetreten war. Und dort der weltumarmende, gefühlsgesteuerte, jüdische US-Amerikaner, der Kunst immer auch als gesellschaftlichen Auftrag begriff.

Und der erschöpfte sich nicht im Austausch des Wortes „Freude“ durch „Freiheit“, sondern spiegelte sich auch wider in seiner menschenzugewandten Art. Bernstein, das war das eigentlich Revolutionäre, nutzte die modernen Medien, um Musik an den Menschen zu bringen. Seine Fernsehserie „Young People’s Concerts“ richtete sich nicht allein an die Jugend. Mit dem New York Philharmonic Orchestra brachte er allen das Wunder Musik auf spielerische, sehr geistreiche Weise näher. Wer diese Sendungen sah, begriff plötzlich auch als Nicht-Eingeweihter den Rang und die Struktur der von Bernstein gepriesenen Werke. Am schönsten, hintergründigsten, als er einmal Mozarts 40. Symphonie umkomponierte, als sei sie von einem schlechten Meister – um einen danach übers Original staunen zu lassen.

Seine Emotionalität stand Bernstein auch im Weg. Fast alle seine Aufführungen gerieten zu Bekenntnissen. Er lebte die Werke, anstatt reflektierend zurückzutreten. Manchmal verliebte er sich so sehr in die Musik, dass er gar nicht mehr von ihr lassen mochte – nicht nur die gedehnten Tempi des Münchner „Tristan“ zeigen das. Seine Interpretationen drifteten gern ins Goethesche „Verweile doch“. Bernsteins Mahler-Abende waren legendär, weil er dazu beitrug, den Komponisten ins Konzertleben zurückzuholen. Aus heutiger, geläuterter Sicht sind diese maßlosen Stunden irritierend. Viel erzählen solche Konzerte trotzdem, manchmal mehr über Bernstein als über die Komponisten.

Der größte Musikpädagoge des 20. Jahrhunderts

„Es war seine Tragödie, dass er, gerade weil er mit so vielen Talenten gesegnet war, immer einen Teil seines Selbst zugunsten eines anderen Teils vernachlässigen musste“, schreibt Bernsteins Biograf Humphrey Burton. Im Grunde, so sagen viele, die ihm begegneten, war er einsam. Deshalb auch seine überbordende Suche nach Nähe, nach Anerkennung, seine Lebensgier. Und die Laster. Alkohol und Zigaretten teilweise im Übermaß gehörten zum Alltag, auch als bei ihm Krebs diagnostiziert worden war.

In seinem Todesjahr 1990 dirigierte Leonard Bernstein in der Basilika Waldsassen.

Von den Menschen, ob im beruflichen oder im persönlichen Bereich, mochte Bernstein auf fast manische Art nicht lassen. Deshalb vielleicht auch seine Bisexualität. Seine Frau Felicia wusste von den vielen Affären mit Männern. Als sie ihn vor die Wahl stellte, zog „Lennie“, wie ihn fast alle nannten, mit seinem Studenten Tom Cothran zusammen – um reumütig zurückzukehren, als Felicia an Krebs erkrankte.

Wer also glaubt, er kenne Bernstein, liegt falsch. Dieser Dirigent, Pianist, Komponist und Streiter für die Kunst mag aufgetreten sein wie ein offenes Buch und bleibt doch bis heute ein Rätsel. Vielleicht war er, der am 14. Oktober 1990 starb, der größte musikalische Pädagoge des 20. Jahrhunderts. Damit ist nicht allein gemeint, wie er in den TV-Sendungen als Lehrer auftrat. Auch den Solisten und Orchestern, mit denen Bernstein zu tun hatte, wurde klar, wie sehr man sich der Musik ausliefern, wie man sie zum Teil seines Lebens machen muss, um wirklich in ihren Kern vorzustoßen. Musik, ob von Beethoven, Wagner, Schubert, Mahler oder Schönberg, ist, so lebte dieser Mann vor, nicht Konsumartikel und Zerstreuung, sondern Lebensnotwendigkeit. Auch deshalb fehlt Bernstein mehr denn je.

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