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„Ich halte mich für einen modernen Menschen“: Brigitte Fassbaender, Sängerlegende, Pädagogin und Regisseurin. 

OPERNLEGENDE

Zum 80. Geburtstag von Brigitte Fassbaender: Für sie soll’s Rosen regnen

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Auf der Opernbühne eine Legende, als Liedsängerin unerreicht: Brigitte Fassbaender feiert heute ihren 80. Geburtstag. Eine Verneigung.

München - Vor ein paar Wochen ist es wieder passiert. Ein Solo-Vorhang trotz erfolgreich absolvierter Premiere? Geht gar nicht. So schnell und scheu, wie sich Brigitte Fassbaender in die Solisten- und Chor-Phalanx einreihte, konnte man gar nicht schauen. Die Nervosität ist eben ihre engste Partnerin geblieben. Ob während der Sänger-Karriere oder als Regisseurin wie kürzlich nach Henzes „Der junge Lord“ am Gärtnerplatztheater. Bezeichnenderweise geschah dies an einem Haus, das sie selbst gern geleitet hätte. Die Verantwortlichen im Freistaat planten anders – mit seinerzeit fatalen Folgen.

Heute feiert die Fassbaender ihren 80. Geburtstag. Ehrerbietungen dürfte sie mit typischer Handbewegung wegwischen. Dieses Unwirsche, so sympathisch wie erwartbar und auch geschuldet der Berliner Herkunft, ist eines ihrer Markenzeichen geblieben. Vielleicht auch, weil es als Schutz taugt.

Sie zu treffen, ist nach wie vor kompliziert. Brigitte Fassbaenders Tag müsste noch immer 26 bis 28 Stunden haben, um alles unterzubringen. Dabei hatte sie, die 1994 der Bühne Lebewohl sagte, sich die Jahre danach doch anders, ruhiger vorgestellt. Bekanntlich folgten die Intendanzen in Innsbruck und beim Garmisch-Partenkirchener Strauss-Festival, vor allem die Karriere als Regisseurin. Auf dem Höhepunkt der Sängerlaufbahn (oder kurz danach, wie sie selbstkritisch sagt) aufzuhören, das haben eigentlich nur noch zwei Kolleginnen geschafft: Julia Varady und Catarina Ligendza. Auch damit ist also Brigitte Fassbaender Vorbild und Legende geworden.

Eine der besten Gesangspädagoginnen

Wie andere gehört sie zu denjenigen, die alten Zeiten nachtrauern und Klage führen über den Klassikmarkt samt seinen unwissenden Intendanten und Agenten, der Sänger auslutscht, sie auf gefährliche Fährten und in falsche Fächer treibt. Doch der Unterschied zu den Kassandras: Sie tut etwas dagegen. Als Pädagogin, eine der besten überhaupt, ist sie geschätzt, aber nicht gefürchtet. Ein paar Minuten braucht es, bis der Nachwuchs die Scheu vor dem Star verloren hat, dann wird hart gearbeitet. Über jeden Mini-Muskel, jede Einstellung des Singapparats und womöglich auch jede innere Einstellung weiß die Fassbaender Bescheid. Wer sie beim Unterrichten beobachtet, begreift: Hier werden keine vokalen Abziehbilder gezüchtet, hier werden Künstler zur Entfaltung gebracht.

Sie selbst, geleitet vom berühmten Sängervater Willi Domgraf-Fassbaender, ist dafür das beste Beispiel. Mit herbem Mezzo-Timbre huldigte sie nie dem wohlklingenden L’art pour l’art. Das Einzige, was sie gelten ließ, war Wahrhaftigkeit. Nachzuhören ist das an den Lied-Aufnahmen. Ihre Brahms-Einspielungen sind unerreicht, auch übrigens im Vergleich mit den männlichen Kollegen. Und Schuberts „Winterreise“, für die sie mit dem Komponisten Aribert Reimann ins Studio ging, überwältigt heute noch durch die Modernität der klanglichen und textlichen Durchdringung.

Auf ewig verbunden mit dem Octavian

Auf ewig verbunden ist sie mit der Titelpartie im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Viele Male hat sie den Octavian auch in München gesungen und erfühlt, am häufigsten unter Carlos Kleiber. Die Abende haben sich nicht nur dem Fan ins Gedächtnis eingegraben, sie sind wohl der wichtigste Abschnitt in der Interpretationsgeschichte dieses Stücks. Ebenso unvergessen: ihr Sesto, ihre Dorabella, ihr Orlofsky, auch die Ausflüge ins Italo-Dramatische mit der Amneris oder die Gräfin Geschwitz. Gerade weil die Fassbaender trotz aller intellektueller Hinterfragung immer eine Handwerkerin geblieben ist, hat sie als Regisseurin Erfolg. Sie weiß, was die Kollegen auf der Bühne brauchen, wie man Handlungen und Haltungen aus ihnen herauskitzeln kann. Außerdem hat sie vielen Inszenatoren etwas voraus: Sie kann Humor. In der wunderbaren Frankfurter „Ariadne auf Naxos“ war das zu erleben oder im Innsbrucker „Falstaff“.

„Mir ist die Ehre widerfahren“: Brigitte Fassbaender in ihrer Lebensrolle, als Octavian im „Rosenkavalier“.

Mit Fragen nach dem möglichen Ruhestand konfrontiert man Brigitte Fassbaender also besser nicht. Ab 2021 kommt es in Erl sogar zum Äußersten, zu Wagners „Ring“. Dass sie sich mit der Arbeitswut auch schützt, weiß sie. Und dass sie nie – ob als Sängerin oder Regisseurin – dem nur Angesagten hinterhergelaufen ist, macht ihre Kunst so gültig. „Zwei Drittel meines Berufslebens sind wie ein Rausch an mir vorbeigezogen“, hat sie einmal unserer Zeitung gesagt. „Ich habe noch keine Zeit gefunden, wehmütig zu werden. Ich halte mich für einen modernen Menschen. Wenn man sich keinem Trend anpasst, wird man zeitlos – nach der Devise wollte ich immer leben.“

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