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Sie erzählen von einer unmöglichen Liebe: Ahmad Shakib Pouya und Ilona Grandke in „Angst essen Seele auf“.

Premiere „Angst essen Seele auf“ an der Schauburg

Aus Afghanistan auf die Theaterbühne

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München - Zum Abschied von der Münchner Schauburg inszenierte Intendant George Podt „Angst essen Seele auf“ nach Rainer Werner Fassbinder. Die Hauptrolle spielt Ahmad Shakib Pouya, der vor radikalen Islamisten nach Deutschland geflohen war - und dennoch nach Afghanistan abgeschoben werden sollte. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Ein wichtiger Akteur dieses Theaterabends ist auf der Bühne der Münchner Schauburg überhaupt nicht zu sehen – dennoch dominiert er die Produktion im Theater der Jugend. Es ist: die Realität. Es ist: all das, was in den zurückliegenden Wochen und Monaten im Leben von Ahmad Shakib Pouya geschehen ist, dem Hauptdarsteller in „Angst essen Seele auf“ nach dem gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974.

Im Jahr 2011 floh Pouya nach Deutschland

Wie berichtet, floh der afghanische Zahnarzt und Musiker bereits 2011 vor radikalen Islamisten nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, Pouya war nur geduldet und setzte dennoch alles daran, sich zu integrieren. Anfang des Jahres sollte er abgeschoben werden. Um der damit verbundenen Wiedereinreisesperre zu entgehen, reiste der 33-Jährige „freiwillig“ aus, lebte versteckt und in Todesangst an verschiedenen Orten in Afghanistan. Sein Fall sorgte bundesweit für Empörung.

Jetzt ist Pouya zurück – weil ihm der scheidende Schauburg-Intendant George Podt die Hauptrolle in seiner Abschiedsinszenierung am Haus an der Franz-Joseph-Straße angeboten hat. Natürlich war das Schicksal des Hauptdarstellers sehr präsent bei den Gästen der heftig beklatschten Premiere am Samstag. Pouya spielt in der knapp neunzigminütigen Fassbinder-Adaption Ali, den Gastarbeiter, in den sich die mehr als 20 Jahre ältere Putzfrau Emmi verliebt – zum Entsetzen aller im Umfeld des (scheinbar) ungleichen Paares.

Brigitte Mira wurde durch „Angst essen Seele auf“ zum Kinostar 

Podt hat Fassbinders Skript sprachlich und szenisch entschärft (sein Haus empfiehlt den Besuch für Zuschauer ab 15 Jahren), dadurch jedoch vor allem zu Beginn auch die Motivation der Charaktere verwässert. Zudem hat der Intendant seine Inszenierung an die Vita seines Schauspielers angepasst: Ali kommt hier eben aus Afghanistan, nicht aus Marokko wie im Drehbuch. Fassbinder (1945-1982) hatte die Rolle Anfang der Siebziger seinem zeitweiligen Lebensgefährten, dem zehn Jahre älteren El Hedi ben Salem m’Barek Mohammed Mustafa auf den trainierten Körper geschrieben. Durch ihn wurde Fassbinder (nach „Katzelmacher“) erneut sensibilisiert für den Umgang der Deutschen mit den sogenannten Gastarbeitern. Neben der Fremdenfeindlichkeit interessierten den Filmemacher jedoch auch die Vorhaltungen, denen eine ältere Frau aus einfachen Verhältnissen ausgesetzt ist, die sich in einen sehr viel Jüngeren verliebt. „Angst essen Seele auf“ wurde ein internationaler Triumph – und entdeckte die umwerfende Hauptdarstellerin Brigitte Mira (1910-2005) fürs Kino.

Podt will eine allgemeingültige Geschichte inszenieren 

Obwohl in der Schauburg der biografische Hintergrund von Figur und Darsteller in Einklang gebracht wurde, ist Podt merklich daran interessiert, eine allgemeingültige Geschichte zu inszenieren. Peer Boysen hat ihm die Bühne dafür weitgehend leer geräumt. Klappstühle und drei Tische genügen den fünf Schauspielern, um von dieser unmöglichen Liebe zu erzählen. Berit Menze, Lucca Züchner und Peter Wolter übernehmen mehrere Rollen und markieren diese durch den Wechsel ihrer Schuhe. Doch der Fokus dieses schnörkellos eingerichteten Abends liegt auf Pouya und Ilona Grandke, die ihrer Emmi eine große Würde und stille Macht gibt. In den stärksten Szenen, etwa wenn sich Ali und Emmi in ihre Urlaubsträume singen, zeigen die beiden Schauspieler, wie doch alle Menschen – egal, wie alt sie sind oder von wo sie kommen – letztlich vom Selben träumen: der Freiheit, glücklich sein zu dürfen.

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