Filmfest München: Erster Bud-Spencer-Dokumentarfilm

Glut in der Zwiebel

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Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.

München - Der Klang einer Stimme kann Zeitmaschine sein. „Das soll ein Film über Bud Spencer sein?“, fragt Thomas Danneberg. „Über meinen alten Kumpel Bud, mit dem ich so viele unrasierte Schnauzen poliert habe? Da muss viel mehr Glut in die Zwiebel rein!“ Sein schnoddriger Ton, die ausgestellte Lässigkeit – schon ist man zurück in den Siebziger-, Achtzigerjahren. Danneberg ist der Synchronsprecher von Terence Hill. Jetzt spricht der Berliner die Off-Kommentare des Dokumentarfilms „Sie nannten ihn Spencer“, der am Freitag, 23. Juni, auf dem Münchner Filmfest uraufgeführt wird.

Danneberg als Erzähler verpflichtet zu haben, verrät viel über den Regisseur Karl-Martin Pold. Im Jahr 1981 geboren, ist der Österreicher mit TV-Wiederholungen der Filme von Bud Spencer und Terence Hill aufgewachsen. Filme, die „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ (1970), „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971), „Zwei wie Pech und Schwefel“ (1974) oder „Das Krokodil und sein Nilpferd“ (1979) heißen. Jetzt legt Pold die erste abendfüllende Produktion über den im vergangenen Jahr verstorbenen Spencer vor, der 1929 als Carlo Pedersoli in Neapel geboren wurde. „Sie nannten ihn Spencer“ ist mit Herz, Hirn und Humor inszeniert und obendrein eine herrliche Hommage an jenen Mann, der von sich selbst behauptete, jeden Beruf ausgeübt zu haben – bis auf Balletttänzer und Jockey.

Bud Spencer und Terence Hill (li.) in „Die Troublemaker“ (1994), ihrem letzten gemeinsamen Kinoauftritt.

Im Jahr 1994 war das Duo Spencer/Hill in der Westernkomödie „Die Troublemaker“ zum letzten Mal gemeinsam auf der Kinoleinwand zu sehen. Doch die weltweite Faszination für diese beiden Typen hat seitdem nicht nachgelassen. Erinnert sei nur an den Massenandrang vor und im Münchner Hugendubel, als Spencer dort 2011 seine Autobiografie signierte; das Buch führte damals zeitweise die „Spiegel“-Bestsellerliste an. Heute gibt es mehr als 5000 organisierte Fangruppen, berichtet der Film. Eine „Familie von Bekloppten“.

„Sie nannten ihn Spencer“ ist eine Verneigung

Er und Bud: Regisseur Karl-Martin Pold.

Auch Pold verbirgt seine Begeisterung nicht. Doch ihm glückt Entscheidendes: „Sie nannten ihn Spencer“ ist einerseits eine Verneigung; ist ein Zitatenkistchen für Fans, eine Vorlage zum Schwelgen – nicht nur durch Thomas Danneberg. Dessen Texte hat Rainer Brandt geschrieben, der 15 Bud-Spencer-Filme ins Deutsche übertrug und mit seinen interpretierenden Übersetzungen maßgeblich für den Erfolg an den deutschen Kinokassen verantwortlich war. Brandt hat den von Spencer gespielten Figuren gerne mehr Gags als im Original in den Mund gelegt – wenn die Kamera das Gesicht des Schauspielers nicht zeigte. „Sie nannten ihn Spencer“ ist zudem inszeniert und von Thomas Vondrak geschnitten im Stil einer typischen Spencer/Hill-Produktion.

All das hat zwar viel Charme, doch wäre es nicht mehr als Ausdruck extremen Fantums, wenn es Pold nicht auch gelingen würde, (journalistische) Distanz zu wahren. So erlaubt sein Dokumentarfilm einen Einblick in Pedersolis facettenreiches Leben sowie in die Erfolgsmechanismen seiner Arbeit mit Hill. „Vier Fäuste für ein Halleluja“ ist mit mehr als 15 Millionen Besuchern bis heute auf Platz 5 der erfolgreichsten Filme in Deutschland.

Auf den Spuren zweier Fans

„Sie nannten ihn Spencer“ folgt Marcus Zölch aus Augsburg und dem Berliner Jorgo Papasoglou. Beide sind Bud-Spencer-Fans, seine Filme haben ihnen über Schicksalsschläge hinweggeholfen. Das Duo, das optisch an die Filmfiguren erinnert (Zölch ist wie Hill blond und blauäugig, Papasoglou dick und bärtig), macht sich auf die Suche nach Spencer. Pold inszeniert seinen Dokumentarfilm als Roadmovie, begleitet die Männer, deren Naivität entwaffnend ist, zu Schauspielern, Stuntleuten, Regisseuren.

„Die linke und die rechte Hand des Teufels“, die erste Zusammenarbeit von Spencer und Hill, galt 1970 als subversiv, weil die Komödie die Italowestern der Sechzigerjahre persiflierte. „Revolverschüsse wurden durch Ohrfeigen ersetzt“, erzählt Marco Tullio Barboni, dessen Vater das Debüt inszenierte. Doch Spencer ohrfeigte Schurken nicht nur. Er setzte sie mit der „Doppel-Backpfeife“ oder dem legendären „Dampfhammer“ schachmatt. Das konnte beim Dreh durchaus problematisch werden. Denn Pedersoli sah schlecht – bei den Proben trug er Brille. Wenn die Kamera lief, konnte er manchmal die Entfernung zum Gegenüber nicht mehr richtig einschätzen: eine echte Herausforderung für die Stuntmänner.

„Sie nannten ihn Spencer“ blickt nicht nur auf die Schauspielkarriere des Neapolitaners, sondern auch auf seine vielen anderen Professionen und Leidenschaften – vor allem auf den Schwimmsport. Pedersoli war von 1950 an sieben Jahre in Folge italienischer Meister im Brustschwimmen und der erste Italiener, der die 100 Meter unter einer Minute schwamm. In den Jahren 1952 und 1956 nahm er an den Olympischen Spielen teil und spielte außerdem in Italiens Wasserball-Nationalmannschaft. Seine Sportkarriere hat ihm viel bedeutet, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte: „Alles, was danach gekommen ist, wurde vom Publikum zum Erfolg gemacht.“

Bud Spencer (1929-2016) bei seiner Buchpräsentation in München 2011, umschwärmt von Fans.

Karl-Martin Pold hat Aspekte dieses überreichen Lebens in eine wunderbar herzliche und kurzweilige Dramaturgie gepackt. So funktioniert sein zweistündiger Film für Fans (die ihn via Crowdfunding mitfinanziert haben) und für Kino-Interessierte gleichermaßen. Ob Polds Protagonisten ihr Idol schließlich treffen? Das sei hier nicht verraten. Doch wie lautete das Lebensmotto von Carlo Pedersoli? „Futtetene!“ Heißt so viel wie „Scheiß drauf. Tu es einfach!“

Information:

„Sie nannten ihn Spencer“ wird am Freitag, 23. Juni, 21 Uhr, im Mathäser uraufgeführt, außer dem Filmteam werden die Schauspieler Riccardo Pizzuti und Salvatore Borghese sowie Pedersolis Sohn Giuseppe erwartet, zudem läuft der Film am 27. Juni, 17.30 Uhr, im Gasteig; Karten unter www.filmfest-muenchen.de; auf der Homepage gibt es auch alle Infos zum Filmfest. Das Festival läuft bis 1. Juli; Tipps dazu finden Sie ab Freitag in unserem Kulturteil.

Bundesweiter Kinostart von „Spencer“ ist am 27. Juli.

Rubriklistenbild: © Foto: teutopress

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