Mariss Jansons am Pult des BR-Symphonieorchesters
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Letzte Kräfte mobilisierte Mariss Jansons am 8. November 2019 in der New Yorker Carnegie Hall. Das Konzert mit seinem BR-Symphonieorchester stand vor dem Abbruch.

New Yorker Finale mit dem BR-Symphonieorchester

Zum ersten Todestag von Mariss Jansons: Sein letztes Konzert auf CD

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Es fällt nicht leicht, diese CD zu hören. Ein Mitschnitt aus der New Yorker Carnegie Hall dokumentiert das letzte Konzert von Mariss Jansons nur wenige Wochen vor seinem Tod.

  • Mit letzter Kraft bereitete Mariss Jansons am 8. November 2019 seinem Orchester einen Triumph.
  • Mehrfach stand das Konzert in der New Yorker Carnegie Hall vor dem Abbruch, doch Jansons weigerte sich.
  • Zum ersten Todestag des großen Dirigenten hat BR Klassik einen Mitschnitt auf CD veröffentlicht.

„Vielleicht haben wir am Freitagabend einen historischen Moment erlebt.“ Eine Kurznachricht, gesendet am 10. November 2019 von einem Musiker. Ahnungsvoll und auch ängstlich. Zwei Tage lag da dieses Konzert in der Carnegie Hall zurück, das mehrfach vor dem Abbruch stand. Dass der Musiker Recht behalten sollte, wusste man damals noch nicht. Oder etwa doch? Wer die Fotos von Mariss Jansons betrachtet, die an jenem Abend in New York entstanden, musste sich eigentlich eingestehen: Ein Todgeweihter stand hier am Pult. Ein Ausgezehrter, der letzte Kräfte mobilisierte, um dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einen triumphalen Abend zu bescheren.

Der Mitschnitt erschien nun auf CD, gerade rechtzeitig zu Jansons’ heutigem ersten Todestag. Vier symphonische Zwischenspiele aus der Oper „Intermezzo“ von Richard Strauss, die vierte Symphonie von Johannes Brahms, einzig Strauss’ „Vier letzte Lieder“ mit Diana Damrau wurden ausgespart. Es tut auch weh, all dies zu hören. Man registriert, wie sehr sich das Ensemble ins Zeug legte, wie es die Erfahrungen aus langer gemeinsamer Arbeit in die Waagschale warf, weil von seinem Chef nurmehr rudimentäre Impulse ausgingen.

Nicht, dass etwas schiefgegangen wäre. Die technisch extrem versierten Musikerinnen und Musiker wussten ja, wie Jansons es wollte. Und manchmal kommt es bei den Strauss-Häppchen zu fast überraschenden Pointierungen. Anders bei Brahms, aus dessen Vierter Ermattung, stellenweise allerdings auch ein trotziges „Jetzt erst recht“ spricht – was wiederum zur letzten, von unsagbaren Dingen kündenden Symphonie des Meisters passt.

Krisensitzung in der Garderobe von Mariss Jansons

Dass Jansons die Vierte in New York überhaupt dirigierte, war ein Wunder – und nicht ausgemacht. Nach einer schleppenden, gefährdeten ersten Konzerthälfte trafen sich Vertreter des Orchesters und der ebenso besorgte Manager der Carnegie Hall bei ihm in der Garderobe. Man riet ihm zum Abbruch, nein: Man bat ihn sogar darum. Typisch Jansons: Er blieb stur. Auch als ihn Konzertmeister Anton Barakhovsky auf Russisch davon überzeugen wollte. Noch ein paar Minuten mehr Pausenzeit, dann könne er wieder auf die Bühne, beteuerte Jansons. Woraufhin Barakhovsky vom Saal-Chef den Auftrag bekam: Sollte es schlimmer werden, müsse er eben abbrechen.

Nicht nur Sturheit sprach aus Jansons’ Verhalten, ihm war die Situation unendlich peinlich. Alles war unternommen worden, damit das New Yorker Tournee-Finale mit ihm stattfinden konnte. Auch deshalb hatte der 76-Jährige zuvor einige Konzerte abgesagt und sich vertreten lassen, damit er früher als sein Orchester in die USA fliegen konnte. Er, der immer extrem mit dem Jetlag kämpfte, sollte dort mehr Zeit zum Akklimatisieren bekommen.

Der fünfte Ungarische Tanz von Brahms als überraschende Zugabe

Die Anspielprobe für den New Yorker Abend des 8. November verlief noch gut, erstaunlich gut sogar für Jansons’ Verfassung. Doch dann verließen ihn die Kräfte. Die Strauss-Werke absolvierte er mit äußerst reduzierter Körpersprache – gerade weil er auf sein Ensemble vertrauen konnte. Noch schlimmer wurde es nach der Pause bei Brahms. Im Nachhinein hört man schaudernd, wie diese Dreiviertelstunde vom Jenseits angeweht war. Musiker erzählen, dass ihr Chef immer wieder aufmunternd blicken wollte. Doch das Lächeln war ihm wie künstlich im Gesicht erfroren. Danach Jubel, Standing Ovations, das Publikum spürte diese so besondere Situation.

Als die Musikerinnen und Musiker ihre Noten zusammenpackten, trauten sie ihren Augen nicht: Der Dirigent kam mit unsicheren Schritten nochmals auf die Bühne und befahl nach einem kurzen, unwirschen Wortwechsel mit Barakhovsky die Zugabe. Noch einmal setzte sich der Chef durch – der fünfte Ungarische Tanz von Brahms ist das letzte Stück, das Jansons dirigierte.

Mariss Jansons:
„His last Concert“ – Strauss: Zwischenspiele aus „Intermezzo“, Brahms: Symphonie Nr. 4. BR-Symphonieorchester (BR Klassik).

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