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Mit kontrollierter, überlegt eingesetzter Dramatik gestaltet Elina Garanca ihre Léonor (hier mit Mika Kares als Prior Balthazar, der Entdeckung des Abends).

Premierenkritik

„La Favorite“: Wie Männer eine Frau zerstören

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München - Zum Spielzeitauftakt an der Bayerischen Staatsoper entdeckte Amélie Niermeyer Donizettis „La Favorite“ neu. Unsere Premierenkritik. 

Pest oder Cholera, Skylla oder Charybidis, Regen oder Traufe: Mehr Auswahl bleibt dieser Frau nicht. Der eine Mann, eher Gangsterboss als König, ein Früchtchen, das sich in seinem erotischen Begehren selbst bespiegelt („Na, wie war ich?“). Der andere ein Überforderter, nicht minder um sich Kreisender, der Halt und Rettung in der Religion sucht und am Ende, beim Tod der Angebeteten, schluchzend alle Dämme brechen lässt. „Ich“, sagen diese Kerle in erster Linie. Liebe nur als Baustein machoüblicher Machtspielchen: Das feministische Potenzial von Gaetano Donizettis „La Favorite“ hatte man in dieser Ausprägung kaum erahnt. Was auch einen anderen Grund hat, das Stück wird schließlich so gut wie nie gespielt.

Als Divenvehikel der konzertanten Art taugt diese Grand Opéra gleichwohl. El¯ina Garanˇca hat das schon unter anderem in Salzburg ausprobiert. Und mutmaßlich hat die Bayerische Staatsoper vor allem ihr diese Neuproduktion als szenisches Debüt zum Geschenk gemacht. Dabei ist Ortsunübliches passiert. Kein Blendwerk, kein Tand, keine sündteure Ausstattungsüberwältigung: Regisseurin Amélie Niermeyer verordnet sich, dem Stück und uns allen visuelle Diät – was bei der Premiere auch vernehmliche Buhs provozierte.

Dabei tut Niermeyer doch das, was hier einst mit Christof Loy bei „Roberto Devereux“ und „Lucrezia Borgia“ möglich war: den Belcanto als minutiös durchgeformtes Kammerspiel neu zu entdecken. Niermeyer, einst unter Eberhard Witt am Bayerischen Staatsschauspiel Hausregisseurin und etwa am Salzburger Landestheater höchst erfolgreich mit klugen Analysen von „Wozzeck“ und „La clemenza di Tito“, buhlt nicht mit Wirkungen ums Publikum. Und recht hat sie. Oft sagt ein kleiner Moment, wenn etwa Alphonse wie absichtslos seine Hand auf der Schulter von Hofdame Inès ablegt und diese erschauert, mehr aus über Vergangenheit und Charakter der Figuren als die ausgestellte Emotion.

Ob Kloster oder Palast – beides ist auf der Bühne von Alexander Müller-Elmau präsent als riesige, verschiebbare, mit Gittern verschlossene Käfige. Manchmal erhellen sich die Kästen, und sichtbar wird religiöser Budenzauberkitsch mittels lebender Bilder, aufreizender „Engel“ und Gekreuzigtem inklusive. Schauplatz für die immer gleichen Männersachen ist dies, für die Gebetsrituale einer sektenähnlichen Gemeinschaft, die breitbeinig feixenden Businesstypen um Alphonse oder eine Hofdamen-Riege, die sich nur in Hemd und Anzug behaupten kann. Der präzise agierende Staatsopernchor ist endlich einmal nicht Staffage, sondern Ansammlung von Individuen. Niermeyer glückt in grauer, bedrohlicher Schmucklosigkeit ein konzentriertes, intensives Drama von hoher Schauspielqualität. Man spürt, wie sich die Solisten ihre Rollen und die Situation zur ureigenen Sache gemacht haben, weil sie eben nicht nur Schachfiguren eines Konzepts sind.

Léonor ist auf diesem Testosteron-Planeten wie eine alles durchschauende, machtlose, ausgebootete Außerirdische und dementsprechend enttäuscht bis genervt von den Avancen Alphonses. Bis hin zu einer herrlichen Szene führt dies: Niermeyer zeigt die Ballettmusik als Kino-Besuch der beiden. Nur der Widerschein des Leinwandflimmerns ist auf Gesichtern und Körpern zu sehen. Und ein König, der sich begeistert in die Handlung hineinsteigert, während sie sich augenrollend abwendet. El¯ina Garanˇcas Gesang passt nahtlos zu diesem Porträt. Die vokale Entäußerung liegt ihr ohnehin weniger. Man hört kontrollierte, überlegt eingesetzte, kühle Dramatik, immer noch Sinn für den kleinen Zierrat – und eine Sängerin, die sich auf bestem Weg vom Mezzo zum dramatischen Sopran befindet.

Matthew Polenzani nähert sich dem Fernand mit anderem Instrumentarium. Immer mehr driftet die Aufführung in eine Psychostudie des Novizen wider Willen. Es ist der große Abend dieses US-Tenors, der volles Risiko geht. Und das nicht nur bei den Ausbrüchen, sondern auch im Mezzavoce, in einer Klangmixtur, die Polenzani selbst stratosphärische Lagen technisch abgesichert erobern lässt. Dass Mariusz Kwiecie´n dagegen abfällt, mag an der Figur des Königs liegen. Ein groß gewordenes, verzogenes Kind ist er hier, das seine Angebetete wie eine Spielpuppe an Fernand verschenkt. Gesungen ist das rau, mit wirkungsbewusstem Kraftaufwand, der fehlenden Glanz und Eleganz kaschiert. Die Entdeckung: Mika Kares als Prior Balthazar, mit dem finnischen Bass ist dringendes Wiederhören in großen Rollen erwünscht.

Es gibt gewiss Durchhänger in diesen drei Stunden, doch liegt das eher am Stück. Und wer sich an Niermeyers Kargheit stört, muss sich an den Dirigenten halten. Karel Mark Chichon, im wahren Leben El¯ina Garanˇca mit Ehering und zwei Kindern verbunden, trägt mit dem Bayerischen Staatsorchester neonkräftige Farben auf. Dass Donizetti mit „La Favorite“ das italienische Drama verlässt und mit feineren Lasuren Französisches riskiert: Chichon kümmert das kaum. Zugespitzt, hart tönt es aus dem Graben. Eine hochtourige Lesart, die unter Intensität etwas anderes versteht als die Regie. Die lässt bei der Hochzeit Léonors, hier im Witwenschleier (!) teilnehmend, einmal Alphonse, einmal Fernand neben ihr sitzen. Man ist verwirrt darüber, wer nun eigentlich der Bräutigam ist. Der Abend beweist: Ist ja auch egal.

Weitere Vorstellungen am 28., 31. Oktober sowie am 3., 6. und 9. November; Telefon 089/ 2185-1920; Internet-Übertragung der Vorstellung am 6. November unter www.staatsoper.de/tv.

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