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Mit Leidenschaft für die Kunst: Karl Pfefferle (1946-2019), hier im vergangenen Sommer in den Räumen seiner Galerie während der Ausstellung mit Lithografien von David Lynch. 

Nachruf auf den Münchner Galeristen Karl Pfefferle (1946-2019)

Karl Pfefferle – ein Gentleman der Kunst

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Mit dem Galeristen Karl Pfefferle, der einst die „Jungen Wilden“ bekannt machte, hat Münchens Kunstszene einen Kenner und Gentleman verloren. Lesen Sie hier unseren Nachruf:  

Der letzte Brief, der aus seiner Galerie an der Reichenbachstraße in die Redaktion kam, war die Einladung zum Mittagessen im Vorfeld von Hell Gettes Ausstellung „#Landscape 3.0“, die erst vergangenen Donnerstag Vernissage feierte. Handschriftlich hatte Karl Pfefferle neben seine Unterschrift noch diesen Satz geschrieben: „Eine junge Künstlerin, die sehr interessante Sachen macht!“ Bereits einige Wochen vorher hatte er per Mail wissen lassen: „Sie kennen mich ja: Wenn ich nicht besondere Kraft vermuten würde, würde ich mich nicht so einsetzen.“

Es sind diese beiden Zitate, die eine besondere Eigenschaft von Karl Pfefferle charakterisieren: seine nicht nachlassende Neugier auf spannende, vielversprechende, ungewöhnliche Entwicklungen in der Gegenwartskunst sowie sein Enthusiasmus, die Leidenschaft, mit der er für all jene Künstler eintrat, die ihn überzeugen konnten. Gette, die 1986 geboren wurde, vergangenes Jahr ihr Diplom an der Kunstakademie erwarb und der Pfefferle in seinen Räumen nun die erste Einzelschau ermöglicht, ist nicht die Erste, die davon profitiert. Doch ist es tieftraurig, nun zu erfahren, dass sie zugleich die Letzte ist, die der Galerist entdeckte, förderte. Gestern wurde die Nachricht von Karl Pfefferles Tod bekannt.

1983 gründete Karl Pfefferle seine Galerie

München verliert mit dem 1946 Geborenen einen engagierten Galeristen, der die Entwicklung des Kunsthandels kenntnisreich (und durchaus kritisch) begleitete. Seine Künstler verlieren einen so engagierten wie auch gewissenhaften (Mit-)Streiter, dessen gutes Auge, dessen Sachverstand mit der Fähigkeit zur Empathie und des Vertrauens einherging. Alle Besucher seiner Galerie im Rückgebäude an der Reichenbachstraße 47-49 wiederum verlieren einen wunderbaren, herzlichen Gastgeber – und einen Kunstkenner, der es verstand, charmant und mit Leidenschaft zu erzählen. Dem dabei aber nichts ferner lag, als mit seinem Wissen zu prahlen. Ja, jede Begegnung mit Karl Pfefferle war ein Gewinn.

„Der Umgang mit Bildern wurde mir in die Wiege gelegt“, erinnerte er sich im vergangenen Herbst, als er das 35-jährige Bestehen seiner Galerie mit einer großen Gruppenausstellung feierte. „Ich stamme aus einer sehr soliden Handwerkerfamilie.“ Sein Urgroßvater war Mitte des 19. Jahrhunderts von Tirol nach München gekommen, 1859 gründete er an der Brienner Straße die „Rahmen- und Vergolderwerkstätten Pfefferle“. Heute wird das Geschäft von Karl Pfefferles Sohn Michael in der fünften Generation geführt; es pflegt zudem eine bedeutende Sammlung historischer Bilderrahmen.

Mehr als 100 Künstler hat Karl Pfefferle in München gezeigt

Die Hinwendung Pfefferles, der einen Meisterbrief als Vergolder hat, von der Einfassung der Werke zur Kunst selbst – und hier vor allem zu den „Jungen Wilden“ – setzte Ende der Siebzigerjahre ein. „Als ich 30 wurde, da wurde mir bewusst, dass ich mit den Künstlern meiner Generation nicht in Berührung kam“, erzählte der Galerist im Rückblick. Das änderte sich bei einem Besuch 1981 in der Künstlerwerkstatt an der Lothringer Straße, wie die Lothringer13 damals hieß: „Da kamen alle, die die Malerei wieder aufgegriffen haben. In dieser Ausstellung habe ich so richtig Feuer gefangen.“ Im Anschluss lud Pfefferle Künstler ein, Vorlagen für Offset-Lithografien zu liefern, die er in der Publikation „Das Bilderbuch“ in kleiner Auflage mit 1000 Exemplaren herausbrachte. Der Band – heute bei Sammlern gesucht und beliebt – vereint unter anderem Arbeiten von Sigmar Polke, Bernd Zimmer, Hans Peter Adamski und Jiří Georg Dokoupil. Aus der Zusammenarbeit mit dieser jungen Künstlergeneration entstand die Galerie, 1983 wurde an der Maximilianstraße die Eröffnung gefeiert. „Eine Art Idealismus“ sei das gewesen, „dass man sich in einer künstlerischen Ausdrucksweise wiederfindet – und das dann unterstützt“. Künstler wie Rainer Fetting, Zimmer und Dokoupil sind Pfefferle bis heute treu geblieben – und er ihnen. Ende der Neunzigerjahre weitete der Galerist den Blick in die USA, zeigte Fotoarbeiten von William Eggleston, Larry Clark und David Lynch. Wobei er bei Letzterem den Umweg über die Fotografien wählte, um Gemälde des Künstlers und Regisseurs ausstellen zu können. Erst im vergangenen Sommer präsentierte er eine fulminante Schau mit David Lynchs Lithografien und Holzschnitten.

Mehr als 100 Künstler hat Pfefferle seit 1983 in über 220 Präsentationen gezeigt – und seine Galerie darüber zur „Plattform des Gedankenaustauschs“ entwickelt: ein Ideal, das er stets angestrebt hatte. „Der Zufall ist ein großer Dirigent unseres Lebens“, davon sei er inzwischen überzeugt, erzählte er im vergangenen Jahr. „Die einzige Fähigkeit, die man sich selbst zuschreiben kann, ist, in diesen Zufällen die richtige Wahl zu treffen.“ Es ist ein schwacher Trost zu wissen, dass Karl Pfefferle dieses herausragende Talent hatte.

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