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Umberto Eco verstarb in seinem Mailänder Heim, in dem er mit seiner deutschen Frau Renate Ramge lebte, mit 84 Jahren kurz nach seinem Geburtstag. Am Dienstag wird er mit einer Trauerfeier im Mailänder Castello geehrt.

Nachruf

Zum Tod von Umberto Eco: Uns alle mahnt der große Europäer

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München - Der Name der Rose" machte ihn weltberühmt. Doch Umberto Eco war nicht nur Autor, sondern auch Philosoph und Sprachwissenschaftler und als solcher ein großer Lehrer. Ein Nachruf.

Ende der Siebzigerjahre kannte die Studentin der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft durchaus den Italiener Umberto Eco. Sie hatte sich mit Strukturalismus und Semiotik beschäftigt, gemerkt, dass das ein Super-Handwerkszeug für die Textanalyse ist, – und so „Einführung in die Semiotik“ des Bologneser Professors gelesen.

Eindrucksvoll fand sie dann 1980 bei einem Florenzbesuch die Wissenschaftsbegeisterung der Stadt: In allen Buchhandlungen, an denen sie vorbeikam, lag der aktuelle Wälzer des Forschers. Merkwürdig war nur der Titel des zweifellos neuen Semiotik-Werks „Il nome della rosa“. Jedenfalls war die Studentin gespannt, das Buch auf Deutsch lesen zu können.

„Der Name der Rose“ stellte sich schließlich nur sehr versteckt als Text über Zeichen und Zeichentheorie heraus, sehr viel mehr hingegen als Mittelalter-Krimi – sowie als großartiger Kassenknüller für Eco und den Münchner Hanser Verlag (1982). Der Professore hatte bereits als Bub gern Geschichten geschrieben, wie er erzählte. Im reifen Alter gelang indes die Weltsensation, zig Millionen Mal verkauft, in zig Sprachen übersetzt und kraftvoll verfilmt.

Umberto Eco war gern kokett-bescheiden und führte noch lieber seine Gesprächspartner nicht aufs Glatteis, sondern in den (heimatlich piemontesischen) Nebel; wie im Herbst im Münchner Literaturhaus, in dem er seinen letzten Roman „Nullnummer“, eine Medien-Satire, vorstellte. Solch ein Nebel war es also, den er um sich wabern ließ, als er meinte, beim „Namen der Rose“ habe er halt nur eine runde Geschichte erzählen wollen. Selbst das ist ja nicht leicht. Natürlich ist der Roman neben seinem profunden Wissen über das Mittelalter, damalige Theologie-Diskussionen und über Bücher vor dem Buchdruck gespickt mit unzähligen Anspielungen. In vielen Vorlesungen, etwa „Im Wald der Fiktionen“, und Essays hat der Wissenschaftler all die Strategien des Erzählens aufgefächert und erklärt. Er war sich demnach all seiner schriftstellerischen Schritte bewusst. Das macht seine Romane und Zeitungskolumnen so reichhaltig, hat ihn jedoch womöglich daran gehindert, den letzten entscheidenden Schritt zur ganz großen Kunst tun zu können. Das Pädagogische, das Forschende, das Zielgerichtete hemmte die kreative Anarchie, die den Künstler über Grenzen treibt.

Umberto Eco, der in der Nacht von Freitag auf Samstag an einem Krebsleiden verstarb, wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria geboren. Einer Stadt, der er in „Baudolino“ – auch so ein Geschichtenerzähler – genauso ein Denkmal gesetzt hat wie dem Nebel im Piemont. Wer schon einmal mit dem Auto zagend orientierungslos durch ihn gefahren ist, weiß, was Kaiser Barbarossa auf seinem Pferd viele Jahrhunderte früher dort mitgemacht hat – ohne Leitplanke und Straßenmarkierung. Überhaupt hat der Schriftsteller immer in ein historisches Bild sein unmittelbares Umfeld und Erleben eingewoben. Geschichte lässt sich nicht abtrennen. Deswegen ist „Der Name der Rose“ jetzt wieder aktuell: Da ist der religiöse Fanatismus, gegen den sich eine aufklärerische Haltung stemmt, die den Menschen Freiheit und Freunde zugesteht.

Die nahm sich der junge Eco gegen den Willen des Papas. Als Student der Literaturgeschichte und Philosophie ging er nach Turin und schrieb seine Doktorarbeit über die Ästhetik bei Thomas von Aquin. Danach war er als Fernsehjournalist und später als Lektor tätig. Die künstlerische Neugier war stets virulent, zunächst siegte freilich die wissenschaftliche, zum Beispiel in der bekannten Theorie „Das offene Kunstwerk“ (1962, deutsch 1973). Eco wurde Dozent in Mailand, Florenz und Bologna, wo er 1975 einen Semiotik-Lehrstuhl bekam. 2008 wurde der Mann mit den zig Ehrendoktortiteln emeritiert.

Eco ist ein großer Lehrer, nicht nur im Hörsaal oder im Roman, sondern auch in Aufsätzen und amüsanten Zeitungs-/ Zeitschriftenkolumnen wie den „Streichholzbriefen“. Sein sicherer Blick für Spuren, die er als Zeichen für/ von etwas zu erkennen und dann eben nicht nebulös, sondern regelgerecht zu analysieren vermochte, richtete sich selbstverständlich auf Politik und Sozialstruktur. Ausdauernd engagierte sich der Künstler, Journalist und Wissenschaftler, der der Idealtypus des Intellektuellen war, zum Beispiel gegen Berlusconi und dessen geistige und materielle Aushöhlung der italienischen Gesellschaft. Für Umberto Eco waren aber auch Phänomene interessant wie die Stirnlöckchen in den Römer-Schinken des Hollywood-Kintopps. Er wäre jetzt von „Hail, Caesar!“ und George Clooneys Haarzier begeistert.

Diese kluge Liebe zum Detail, die noch intensivere zu umfassenden Zusammenhängen und eine humane Ethik prägen die Werke von Eco, sei es „Das Foucaultsche Pendel“, „Baudolino“, „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ oder den „Friedhof von Prag“. Und: In allem feiert Umberto Eco Europa und seine Kultur. Feiert das wunderbare Geschenk, das heute im Frieden wirkt – das wir Europäer gerade aus Egoismus wegwerfen wollen.

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