Christa Ludwig
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„Ich hab’ halt einfach gesungen“, pflegte Christa Ludwig über ihre Interpretationen zu sagen.

Jahrhundertsängerin mit 93 Jahren in Klosterneuburg verstorben

Zum Tod von Christa Ludwig: Die Herrlichste von allen

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Dramatik muss nicht Hysterie heißen. Ihre Stimme war die sinnlichste, erotischste unter den Mezzosopranistinnen: zum Tod von Jahrhundertsängerin Christa Ludwig.

Manchmal konnte man sie sogar in Erl treffen. Weil sie unweit der Tiroler Festspiele einen Meisterkurs gab und sich deshalb abends Oper gönnte. Und wenn man zufällig neben ihr saß, dann schwätzte sie gern mal die Pause durch. Um sich zu echauffieren über die Regie und über die jungen Kolleginnen und Kollegen da vorn, Lob gab es natürlich auch. Wer sonst außer Christa Ludwig durfte sich das erlauben. Eine Jahrhundertsängerin, die am Samstag mit 93 Jahren in ihrer Wahlheimat Klosterneuburg bei Wien gestorben ist.

Überhaupt war die Ludwig so amüsant wie irritierend offen. Über die „Pressleiberl“, die ihr in Hosenrollen wie Octavian und Cherubino den Busen abschnürte, konnte sie sich herrlich aufregen. Und sie war eine der wenigen, die ein Tabu bei Sängerinnen ansprach: die Wechseljahre, die jedem Sopran und Mezzo fast die Karriere kosten und die einen Neuaufbau der Stimme verlangen.

Wer Christa Ludwig einmal gehört hat, ob live oder auf CD, bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Ihre Stimme war die sinnlichste, erotischste unter den Mezzosopranistinnen. Verführerisch, nobel, mit perfekt dosierter Opulenz, mehr in Samt gepackt als mit stählerner Offensive überwältigend. Letzteres war auch der Grund, warum es mit den dramatischen Sopranrollen nicht klappen wollte. Dass sie sich nach dem Primadonnenfutter sehnte, daraus machte die Ludwig nie einen Hehl. Beethovens „Fidelio“-Leonore nannte sie ihr „Sorgenkind“, Bernstein, Böhm und Karajan wollten vergeblich Wagners Isolde von ihr.

Als Dorabella, Elvira oder Octavian hat sie Opernfans verdorben

Aber warum auch die Orientierung nach oben? Als Elvira, Dorabella, Brangäne oder Octavian hat sie uns rettungslos verdorben, auch übrigens in Verdis Messa da Requiem. Und gerade in exaltierten Rollen setzte Christa Ludwig Maßstäbe, als Ortrud, Färberin und Lady Macbeth, weil sie vorführte: Dramatik heißt eben nicht Hysterie, sondern lodernde, vibrierende, von innen heraus strahlende Energie. Wenn sie Ortruds Fluch herausschleuderte, provozierte sie Ovationen und damit eine Unterbrechung des „Lohengrin“ – ein Sakrileg bei Wagner. Sie war eben, um ein Schumann-Lied abzuwandeln, in ihrem Fach die Herrlichste von allen.

Etwas anderes als dieser Beruf wäre bei ihr, der gebürtigen Berlinerin, gar nicht möglich gewesen: der Vater Sänger und Intendant, die Mutter Sängerin und Pädagogin. Nach Engagements unter anderem in Frankfurt am Main und Darmstadt wurde Christa Ludwig von Karl Böhm für die Wiener Staatsoper entdeckt. Die darauf folgende Weltkarriere ist bekannt.

Auf eine sympathische Art blieb die Ludwig traditionell. Sie lebte für die Kunst, weniger fürs Werbe-Tamtam, und sang ja auch so. Dass sie auf dem Lied-Sektor gegen die deklamierende bis textbesessene Konkurrenz bestand, passt da ins Bild. Nie geriet sie ins Dozieren, spürte dafür instinktiv den Klangverläufen nach und vertraute ihrer Intuition. Als Mahler-Interpretin setzte sie Maßstäbe, gerade weil sie Emotionen nicht vor sich hertrug und damit verdoppelte. Befragt nach ihrem legendären „Lied von der Erde“, verewigt auf Platte mit Tenor Fritz Wunderlich und Dirigent Otto Klemperer, konnte die Ludwig nur antworten: „Ich hab’ halt einfach gesungen.“

Den Ruhestand in Klosterneuburg genoss sie

Zweimal war Christa Ludwig verheiratet, erst mit Bariton Walter Berry, das driftete bald in eine problematische Beziehung, dann mit Regisseur Paul-Émile Deiber. Auch beim Thema Erotik auf der Bühne vertraute sie demnach ihrer Erfahrung: „Entweder, man hat alles selbst erlebt – oder glaubt wenigstens dran.“

Seit den Sechzigerjahren lebte die Ludwig in Klosterneuburg bei Wien – nicht weit entfernt also von ihrem Heimatopernhaus, wo sie sich am 14. Dezember 1994 von der Bühne verabschiedete. Als bizarres, aufgetakeltes, von Albträumen geplagtes altes Weib. Die Klytämnestra in Strauss’ „Elektra“ passte nicht ganz zu ihrem Luxus-Mezzo, auch nicht das Gelächter am Ende der großen Szene, das Kolleginnen diabolischer glückte. Die Ludwig sah das ganz praktisch: „Das war mein Elektra-Ersatz, weil ich so etwas Hochdramatisches nie singen konnte.“

Auch an der Bayerischen Staatsoper wählte sie das Mutter-Monster für ihre letzte Münchner Vorstellung. Immer wieder hat sie nach 1994, nach allein 769 Auftritten in Wien, beteuert, wie wunderbar sie doch den Lebensabend fand. Endlich kein Lampenfieber mehr, endlich mal einen deftigen Braten verspeisen, endlich beim Wein nicht mehr aufpassen müssen, vor allem: endlich faul sein dürfen. Regelmäßig ließ sie sich danach in der Wiener Staatsoper blicken, um im vorderen Parkettdrittel Hof zu halten. An der Ludwig kam eben, ob während der Karriere oder im Ruhestand, niemand vorbei.

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