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Michael Degen ist tot: Ein Nachruf auf den ARD-Schauspieler und Autor

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Von: Sabine Dultz

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Michael Degen
„Ich habe nie Angst gehabt“: Michael Degen, der in seiner Kindheit und Jugend unter ständiger Todesgefahr lebte, starb am vergangenen Samstag im Alter von 90 Jahren. © Hendrik Schmidt/dpa

Schauspieler und Autor Michael Degen ist am Samstag im Alter von 90 Jahren in Hamburg gestorben. Das teilte der Rowohlt-Verlag nun mit. Ein Nachruf.

Ob er auf der Theaterbühne stand oder vor der Kamera: Keiner konnte sich der Ausstrahlung von Michael Degen entziehen. Am Samstag ist der große Schauspieler und Autor im Alter von 90 Jahren gestorben.

Michael Degen ist tot: Ein Nachruf auf den Autor und Schauspieler

Es war der 31. Januar 2022, als Michael Degen alle Aufmerksamkeit zufiel. Der große Schauspieler und in seinen letzten Lebensjahrzehnten auch erfolgreiche Autor („Nicht alle waren Mörder“) hatte 90. Geburtstag. Sein Gesicht mit den tiefdunklen, schönen Augen wurde einem wieder präsent, auch seine Stimme mit dem verdeckt berlinerischen Tonfall, überhaupt all die Erinnerungen an seine diversen TV-Rollen, vom Dr. Martin Sanders in „Diese Drombuschs“ bis zum geckenhaft eitlen Vice-Questore Patta in den Donna-Leon-Krimis, die auch in der ARD* ausgestrahlt wurden..

Aber wer sich als Besucher von Theateraufführungen zur Bühne bekennt, dem kam Michael Degen plötzlich wieder ganz besonders nah, denn bei den Live-Auftritten – ob mit Shakespeare, Goethe oder George Tabori – hatte er seine stärkste Wirkung. Es war unmöglich, von ihm nicht gefesselt zu werden, sich seiner Ausstrahlung zu entziehen. Am vergangenen Samstag ist er, wie jetzt erst bekannt wurde, gestorben.

Was war es, das den in Sachsen geborenen und in Berlin aufgewachsenen und groß gewordenen Michael Degen so scheinbar jung erhielt? Sein bewegtes Leben? Seine unter ständiger Todesgefahr erlittene Kindheit und Jugend? Seine bis zuletzt anhaltende künstlerische und politische Wachsamkeit? Degen war ein jüdischer Junge in Berlin. Sein Vater starb 1940 an den Folterungen, denen er im KZ Sachsenhausen ausgesetzt war. Der ältere Bruder ging ins Exil nach Palästina. Die Mutter blieb mit dem achtjährigen Sohn Michael in Hitlers Metropole.

Nur knapp entging Michael Degen der Deportation nach Auschwitz

Nur knapp entgingen sie 1942 der Deportation nach Auschwitz und überlebten mit selbstloser Hilfe mutiger Menschenfreunde im Berliner Untergrund, den Laubenkolonien am Rande der Stadt. Als die Rote Armee Berlin eroberte und auch die Lauben nach Nazis durchsuchte, wollte der Rotarmist nicht glauben, dass Mutter und Sohn Juden seien. Selbst Jude, stellte er dem Dreizehnjährigen die Fangfrage, was er denn spreche, wenn sein Vater gestorben sei. „Das Kaddisch“, entgegnete der Halbwüchsige, begann auf Hebräisch, den Text zu sagen. Und sie waren gerettet.

Das sind Erfahrungen, die Michael Degen nicht wegschieben konnte, wenn auch die Mutter nach dem Krieg das Motto „Wir vergessen alles“ als Schweigegebot ausgegeben hatte. Als Möglichkeit, weiterzuleben und einen Neuanfang zu wagen. Degen wollte Schauspieler werden. Das Erlebte brodelte in ihm und war doch irgendwie immer in zweiter oder dritter Ebene hinter seinen Rollen vorhanden und vielleicht auch zu entdecken.

Er begann eine Schauspielausbildung am Deutschen Theater Berlin, spielte dort kleine Rollen, doch 1949 zog es ihn in den soeben gegründeten Staat Israel. Hier fand er seinen Bruder, lernte Hebräisch, stand als Schauspieler auf der Bühne. Doch nach zwei Jahren ging er zurück nach Berlin – zur Mutter, zur deutschen Sprache, zu Bertolt Brecht ans Berliner Ensemble. Das war der Start in eine glänzende Karriere. Frankfurt, West-Berlin und immer wieder das Bayerische Staatsschauspiel in München.

Shakespeares Hamlet war seine Paraderolle

Seine Paraderolle: Hamlet, den er an die 300 Mal spielte. Schiller, Strindberg, Kipphardt, Molière, Handke Offenbach, natürlich Goethe und sein „Faust“, den er in den Siebzigerjahren fürs Residenztheater gleich zweimal hintereinander inszenierte. Dann aber hatte ihn die eigene jüdische Identität auch rollenmäßig eingeholt. Er wurde Protagonist in vielen Stücken George Taboris, spielte die Uraufführung der „Kannibalen“ in Berlin und später auch am Münchner Resi. Er stand hier in den „Goldberg-Variationen“ auf der Bühne. Und Peter Zadek holte für seine umjubelte wie umstrittene Musical-Inszenierung „Ghetto“ von Joshua Sobol den Star für die zwielichtige Rolle des Jacob Gens, des Chefs des Judenrates in Vilnius, auf die Bretter der Freien Volksbühne West-Berlins.

In München war Michael Degen letztmals in den Neunzigerjahren an den Kammerspielen zu sehen, und zwar in einem fulminanten Gastspiel des Wiener Akademietheaters mit George Taboris „Weisman und Rotgesicht“, eines „jüdischen Western“. Die Stadt Hamburg machte ihn zu seiner Wahlheimat. Die Bühne, die er zuletzt zu der seinen erkor, war das Wiener Theater an der Josefstadt.

Angst vor dem politischen Klima in Deutschland

Die vergangenen Jahre erwiesen sich für den Schauspieler als beunruhigend. Das Schweigegebot über die Gräuel der Nazizeit, das ihm die Mutter einst auferlegte, hätte er vielleicht gerne auf Dauer befolgt. Aber das politische Klima in Deutschland war und ist nicht danach. „Ich habe nie Angst gehabt“, sagte er einmal, „selbst nicht, als meine Wohnung verwüstet wurde. Aber was jetzt passiert, das Erstarken der Rechten und Neonazis, das wird langsam beängstigend.“ Seine Erfahrungen, so meinte er, hätten ihn zunehmend zu einem politischen, wenngleich auch pessimistischen Menschen gemacht. 1998 spielte Michael Degen beim „Jedermann“ der Salzburger Festspiele den Tod. Nach einem erfüllten Künstlerleben hat der ihn nun selbst geholt. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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