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Grenzerfahrungen: Für den Gründer Gustav Kuhn ist das Festival tabu - Szene aus „La bohème“, die an Weihnachten wiederaufgenommen wird.

VOR DEM WINTERFESTIVAL

Tiroler Festspiele in Erl: Vorletzte Runde der alten Zeitrechnung

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Gustav Kuhn ist weg, dafür gibt‘s Promi-Ersatz: Die Tiroler Festspiele stehen vor dem Winter-Durchgang und vor einem Neubeginn.

Erl - Das wäre jetzt seine Zeit gewesen. Als Dirigent des Weihnachtsoratoriums am kommenden Sonntag und von ein oder zwei Opernproduktionen plus Silvester- oder Neujahrskonzert. Doch erstmals gehen die Tiroler Festspiele ohne ihren Gründer Gustav Kuhn über die Bühne. Mehr noch: Dieses Winterfestival ist bekanntlich das vorletzte der alten Zeitrechnung – ab September soll der Frankfurter Intendant Bernd Loebe dem Dorf unterm Kranzhorn einen möglichst unbelasteten Neustart bescheren, befreit von #MeToo-Debatten und finanziellem Gemauschel.

Als Abwicklungsverwalter fungiert Andreas Leisner. Der war einmal Kuhns zweiter Mann und hat sich, das lässt er durchblicken, mehr erwartet von seiner Erler Zukunft. Ein paar Mal durfte er dirigieren und inszenieren, doch war das eher ein Kurzzeitflackern. Ob sich die Festspiele zu stark auf Kuhn konzentriert hatten? Leisner bejaht. „Das hat nicht unbedingt etwas mit meiner Person zu tun.“ In dieser Frage habe es „Wellenbewegungen“ gegeben. „Nach Eröffnung des Sommerfestspielhauses 2012 war eine Periode festzustellen, während der die Tür weit aufging.“ Doch dann, so muss man wohl ergänzen, nahm Dominator Kuhn wieder alles selbst in die Hand.

Andreas Leisner amtiert als Interims-Intendant und wird Erl nach dem Sommer 2019 verlassen.

Leisner will zum Finale der alten Zeit klotzen, vor allem mit Promi-Dirigenten. Die Wiederaufnahme von Puccinis „La bohème“ während des Winterfestivals übernimmt Paolo Carignani, die Premiere von Bellinis „La sonnambula“ Friedrich Haider, das Neujahrskonzert die international immer begehrtere Oksana Lyniv. Dazu riskiert man die Uraufführung „Stillhang“ von Christian Spitzenstaetter über die dunklen Seiten von Liesl Karlstadt (verkörpert von Isabel Karajan). Für den überraschend Wagner-losen Sommer kündigt sich das Großwerk eines Zeitgenossen von Richard Strauss an.

Leisner will die alte, so belastete Festival-Ära nicht glanzlos verklingen lassen. Nach dem Sommer muss auch er Erl verlassen, Bernd Loebe wird einen eigenen Statthalter in Tirol inthronisieren. Abwicklungsstimmung, so beteuert Leisner, verspüre er dennoch nicht. Er habe in dieser Hinsicht von den Erlern gelernt. Als er Dorfbewohner einmal in einem sperrigen Programm mit Musik von Steve Reich antraf und sich wunderte, bekam er zur Antwort: „Bevor ich’s ned g’hört hab’, sog’ i nix.“ Alles müsse man sich doch zuerst anschauen. „Diese Menschen geben dem Neuen eine Chance, genauso sehe ich der neuen Leitung entgegen.“

Zu Kuhn pflegt Leisner nur noch einen „sporadischen“ Kontakt, „dies aus psychohygienischen Gründen für beide Seiten“. Sicher gebe es Themen, bei denen er den Rat des 71-Jährigen bräuchte, doch zugleich sage er sich: „Du kannst nicht etwas wollen und ihm dafür nichts geben.“

Wusste Hans Peter Haselsteiner nichts von den Affären?

Kuhn weg, Leisner weg, immerhin soll das Festspielorchester mit den Musikern aus Weißrussland weiter beschäftigt werden. Das hat der künftige Chef Loebe jüngst der „Tiroler Tageszeitung“ gesagt. Beim Chor dagegen könne man einen „Akademiegedanken“ mit jungen Sängern aufgreifen. Personell wird bei den Festspielen also weitgehend Tabula rasa gemacht, wobei es eine wichtige Kontinuität gibt: Hans Peter Haselsteiner, Festspiel-Präsident, Hauptmäzen und Ex-Chef der Baufirma Strabag, bleibt im Amt. Er hat bei Loebe angeklopft in der Nachfolgefrage. Sollten sich die Vorwürfe gegen Kuhn erhärten bis bewahrheiten, fällt es allerdings schwer zu glauben, Haselsteiner habe von nichts gewusst. Mit seinem Besetzungscoup in Sachen Loebe hat sich der Präsident auf elegante Weise aus der Schusslinie manövriert. Und die politischen Entscheidungsträger wissen: Ohne den – möglicherweise ebenfalls belasteten – Finanzier können die Türen in Erl gleich ganz zugesperrt werden.

Während also Andreas Leisner seine letzten beiden Festspielphasen betreut und Bernd Loebe Künftiges wie einen „Ring des Nibelungen“ in der Regie von Brigitte Fassbaender und dirigiert von Joana Mallwitz plant, gehen die Prozesse in der Causa Kuhn weiter. Für den Blogger Markus Wilhelm, auf dessen Betreiben vieles ans Licht kam und der als eine Art Katalysator im Fall Erl fungiert, gab es einen Rückschlag. Vor dem Landgericht Innsbruck hat er sich mit den Festspielen auf einen „bedingten Vergleich“ geeinigt. Behauptungen, beim Festival liege unter anderem der Verdacht auf Lohnwucher und Sozialdumping vor, musste Wilhelm aus dem Internet löschen. Zusätzlich verpflichtete er sich zu einem „Ausgleichsbetrag“ in Höhe von 2000 Euro. Ein Schuldeingeständnis, so betonen Wilhelm und sein Anwalt, sei dies allerdings nicht. Was indes weiter verhandelt wird, sind die Vorwürfe, Gustav Kuhn habe seine Macht missbraucht und sei sexuell übergriffig geworden. „E ammorba, e appesta la nostra onesta magion“, echauffiert sich Rodolfo im ersten Akt. „Es ist ein Graus! Er vergiftet dies ehrbare Haus“: Ein passenderes Stück als Puccinis „La bohème“ lässt sich derzeit kaum denken.

Informationen
zum Programm und zum Vorverkauf unter www.tiroler-festspiele.at.

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