Die Zumutungen der Tragödie

- ". . . dass ins Feld wir ziehn/Gegen die Bakchen; nein, nämlich, das geht zu weit,/ dass wir von F r a u n erleiden solln, was wir erleiden." Mitunter bekommt doch so ein zweieinhalbtausend Jahre alter Theatertext ganz unerwartete Tagesaktualität. Und das Publikum quittiert diesen Satz des empörten Jungkönigs Pentheus mit erleichtertem Lachen.

Ein Moment, in dem Regisseur Dieter Dorn und sein Ensemble uns kurz aus der angespannten Konzentriertheit entlassen, zu der uns das Bayerische Staatsschauspiel mit seiner ersten Premiere, "Die Bakchen" des Euripides, zwingt. Keine leichte Kost. Dorns strenge Form Man muss schon bereit sein, sich den Zumutungen der antiken Tragödie und der Dornschen Ernsthaftigkeit auszusetzen. Dabei empfiehlt es sich, nicht ganz unvorbereitet in diese Aufführung zu gehen, sich vorab etwa mit den komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen von Göttern und Menschen sowie den diversen Namen, Zeichen und Begriffen vertraut zu machen, die heutzutage längst nicht mehr zum Bodensatz bürgerlicher Allgemeinbildung gehören. "Die Bakchen", Euripides' letztes Stück, 406 v.Ch., wüst und unbequem damals wie heute, ist wie alle Klassiker der Antike topaktuell. Die Muster menschlichen Verhaltens, die Wechselwirkung von Politik und Polis, Gott und Gesellschaft sind gültig über die Jahrtausende hinweg. Dazu bedarf es bei Dieter Dorn keiner äußeren Aktualisierung. Auch nicht im Bühnenbild Stefan Hageneiers, das mit Laufsteg durchs Parkett, sparsamer Säulenanordnung zwischen Wänden aus Eisen klassische Neutralität wahrt. Der Regisseur stellt sich weitgehend den Maßstäben der strengen, ritualisierten Form und seiner eigenen, zuweilen plakativen Theatralik. Dabei gelingt es ihm über die Geschichte des Gottes Dionysos hinaus, der aus Kleinasien kommend mit seinen Bakchen als Rächer in Theben einfällt und das Königshaus vernichtet, unterschwellig auch die Tatsache heutiger Konflikte mitzuerzählen: das Gegenüber zweier Welten - unserer, der, wie wir meinen, modernen westlichen, und jener anderen, gotthörigen, die archaisch mit Feuer und Schwert ihre Werte durchsetzt. Die Unerbittlichkeit, mit der sich bei Euripides die beiden Protagonisten, der als Mensch auftretende Dionysos und König Pentheus, gegenüberstehen, die Unversöhnlichkeit, mit der der Gott straft und vernichtet, die Frage nach der Norm des Lebens - sie machen den Abend zu einem beklemmenden Ereignis. Boysens betörender Schrei Dem opfert Dorn auf dem Altar seiner strengen Prinzipien die andere Seite des Stücks: das Rauschhafte, den Taumel, das Absurde und Sinnliche. Nicht aber die von ihm beherrschte Dialektik von Spiel und Wirklichkeit, grandios umgesetzt von Rolf Boysen und Jens Harzer. Wie betörend dieser Dionysos sein muss, dem die Frauen kultisch gefolgt sind in die nächtlichen Wälder, und wie groß gleichsam die Verführbarkeit auch durch den Schauspieler sein kann, das wird deutlich, wenn die unvergleichliche Stimme Rolf Boysens mit "Io" aus dem Off die Bakchen aufruft: "Brenne, brenn nieder die Wohnstatt des Pentheus." Oder wenn er mit einem großen Schrei Atem ausstößt, der den kriegsbereiten Pentheus in Trance versetzt. Ansonsten spielt Boysen mit feinster Selbstironie und der Zurückhaltung des wahren Meisters den Widerspruch seiner Rolle - die Doppelexistenz von Gott und Mensch: als Gott gekleidet im modernen, schwarzen Seidenhemd, nur ein kleines goldenes Halstuch weist auf seine Außerordentlichkeit; als Mensch ausstaffiert wie ein Schauspieler für die Bühne - mit Perücke und buntem Gewand. Boysen als Dionysos: als würde er alle seine bisherigen Rollen in dieser einen noch einmal versammeln und bündeln. Ein ganz großer Moment des Theaters. Er und Jens Harzer sind die zentrale Kraft der Aufführung. Wunderbar ihr Dialog: das Verhör des Fremden durch Pentheus. Da wird auch auffällig, wie rhythmisch akkurat, das Idiom der Antike wahrend und dennoch gewitzt die Neuübersetzung durch Michael Wachsmann ist. Harzer holt diese schwierige Sprache in die Leichtigkeit der Gegenwart herüber. Denn ganz aus unserer Zeit scheint sein Pentheus zu kommen. Gekleidet in einer Art moderner Uniform mit hohen Stiefeln, verkörpert er das jünglingshafte Herrenmenschentum, kalt, lächelnd, arrogant, gefährlich, im Bewusstsein seiner unumschränkten Macht. Später aus seiner Verzauberung, seiner Verkleidung zur Frau, kurz bevor er willig von Dionysos zur Schlachtbank geführt wird, macht Harzer eine anmutige Theaternummer. Die Sprache in eine "Normalität" zu überführen, ohne sie zu verschlampen, das gelingt bestens auch Stefan Wilkening und Helmut Stange - beide leider in Maske und Kostüm fürchterlich altmodisch ausstaffiert - in ihren Berichten vom wilden Treiben der Bakchen. Sie sind denn auch als Chor die eigentlichen Hauptfiguren des Stücks. Und damit beginnen die Schwierigkeiten. Als würde sich diese Grundvariante des antiken Dramas unserem heutigen Theatergefühl widersetzen. Der Chor, angeführt von Gisela Stein - wer auch sonst könnte diese hals- und kopfbrecherischen Gesänge so virtuos bewältigen -, ist hervorragend einstudiert. 15 junge Schauspielerinnen sprachlich, körperlich, musikalisch perfekt trainiert. Ihren ersten Auftritt kündet ein bedrohliches Wummern, Stampfen, Klopfen an. Dann werden sie auf einem Podest hereingefahren. Mit den Dionysosstöcken in der Hand schlagen sie faszinierend genau ihren Rhythmus. Robyn Schulkowsky, die Perkussionistin, hat das für sie geschrieben und mit ihnen einstudiert. Canonicas stille Demut Zu bewundern ist diese Kunst der Frauen; zu beklagen, dass sie doch sehr an Handwerk erinnert. Viel mehr haben hier leider auch nicht die beiden Alten, Fred Stillkrauth und Rudolf Wessely in den Greisenrollen Teiresias und Kadmos, zu bieten. Ganz aus dem Rahmen fällt rollengemäß Sibylle Canonica als Agaue, die Mutter, die ihren eigenen Sohn zerfleischt. Mit ihrem Auftritt erfolgt in dem Stück der Bruch, wenn die Leichenteile wie Metzgerfleisch angeliefert und ausgebreitet werden. Wenn plötzlich bei Euripides ein Naturalismus einbricht, der die Tragödie fast der Lächerlichkeit preisgibt. Dass das hier nicht geschieht, garantiert die Canonica in dem Moment ihres Spiels, in dem der Wahn Agaue verlässt und sie in anrührender Stille, Bescheidenheit und Demut ihr Schicksal und den Gottesfluch der Verbannung annimmt. Dann ist auch sie, dann ist Dorns Inszenierung ganz in unserer Gegenwart angekommen.

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