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Die Inszenierung besorgte der Star-Dirigent selbst: Herbert von Karajan (re.) probt 1967 mit seinen Regieassistenten für die „Walküre“.

50. Festival-Geburtstag

Zur Geschichte der Salzburger Osterfestspiele: Karajans Bayreuth

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Salzburg - Mit der verbotenen Liebe zwischen Bruder und Schwester fing alles an. 1967 markierte die Premiere von Wagners „Walküre“ den Beginn der Salzburger Osterfestspiele. Das einstige Privatfestival Karajans feiert das Jubiläum heuer mit einer Rekonstruktion der historischen Aufführung. Premiere ist an diesem Samstag.

Ein paar Tage im Jahr gibt es, da wird Fort Knox der Rang abgelaufen. Da ist die weltweit höchste Gold-Dichte zwischen Mönchs- und Kapuzinerberg festzustellen, garniert noch mit diversen geschliffenen Steinchen. Es ist leicht, sich lustig zu machen über das international exklusivste Musikfestival, dessen Höchstpreise für eine Opernvorstellung vor einiger Zeit von 510 auf 490 Euro gesenkt wurden – man sorgt sich ein wenig um die Nachfrage.

Die exorbitanten Summen, für die andere eine Woche nach Griechenland fliegen, sind jedoch Programm und konstitutiv: 1967, als Herbert von Karajan erstmals zu den Salzburger Osterfestspielen bat, war dies als ein rein privat finanziertes Spektakel gedacht. Mäzene statt öffentliche Hand. Ticketpreise ohne Zuschüsse. Was auch bedeutete, dass Karajan alle Fäden in der Hand behalten und den Gutteil der Einnahmen für sich abzwacken konnte. Schon längst agierte er, der unweit Salzburgs in Anif wohnte, nicht mehr nur als Dirigent, sondern als Zentralgestirn international operierender Klassik-Unternehmen.

Mehrfach stand das Spektakel vor dem Aus

Die „Walküre“ einst: Günther Schneider-Siemssens Entwurf für den dritten Akt.

Um die Entstehungskosten der Oster-Opern niedrig zu halten, gab es ein paar Tricks. Die Stücke wurden musikalisch mit den Berliner Philharmonikern an der Spree vorgeprobt und für die Schallplatte eingespielt. Was „nur“ noch fehlte, war die Regie – die paar Verkehrsregelungen, meist ins Halbdunkel seines Hofbühnenbildners Günther Schneider-Siemssen getaucht, besorgte der Dirigentissimo dann höchstselbst. Zusätzlich wurden die Inszenierungen zum Beispiel an die New Yorker Met weiterverkauft, Opernfilme und Radioübertragungen generierten Extra-Einnahmen. Nur in Salzburg spielten die Berliner Philharmoniker also Oper, nur hier war das Edel-Ensemble mit seinem alles beherrschenden Chef in dieser Termindichte zu erleben. Karajan und Osterfestspiele – die enge Verknüpfung eines Festivals mit einem Namen gab es weltweit nur noch ein einziges Mal: Wagner und Bayreuth.

Und genau das wurde den Osterfestspielen beinahe zum Verhängnis. 1989 starb Karajan, schon vorher hatte er sich von den Berliner Philharmonikern entfremdet. Plötzlich war das Salzburger Tamtam seiner wichtigsten Figur beraubt, ein Schachspiel ohne König. Das Matt wurde notdürftig verhindert mit einer Übernahme von Produktionen der Sommerfestspiele. Auch das zweijährige Interregnum von Dirigent Georg Solti war nur eine laue Ersatzlösung. Wenn schon kein musikalischer Übermensch in Sicht war, so verlangte man doch wenigstens nach den Berliner Philharmonikern mit ihren aktuellen Chefs.

Claudio Abbado öffnete die Festspiele programmatisch

Auch deshalb wurden zunächst Claudio Abbado und später Simon Rattle zu den Salzburger Oster-Darlings. Gerade Abbado, der in Berlin die Programmatik seiner Philharmoniker umkrempelte, sorgte für eine künstlerische Öffnung. Regisseure wie Peter Stein (als dessen Arbeiten noch ernst zu nehmen waren) und Herbert Wernicke bescherten hier grandiose Inszenierungen, die manchen zunächst verstörten, dann aber – schließlich labte man sich an der höchstklassigen musikalischen Fraktion – akzeptiert wurden.

Was noch entscheidend war: Abbado zog die italienischen Kunden an, traditionell eine starke Publikumsfraktion. Wegen Claudio querte man mit den schnellen Karossen die Alpen oder schwebte gleich auf dem Flughafen am Walserfeld ein. Die künstlerische Öffnungspolitik trieb Simon Rattle voran. Als er jedoch das Opernrepertoire bis hin zu Brittens „Peter Grimes“ und Debussys „Pelléas et Mélisande“ erweiterte, ließen manche Gala-Kunden ihre Kreditkarten stecken – diese Stückwahl war dann doch zu ambitioniert. Rattle knüpfte zwar mit Wagners „Ring“, der erste seit Karajan, an den großen Vorgänger an. Die dürftige Inszenierung und manch B-Solist bescherte aber allenfalls einen Achtungserfolg.

Die Justiz ermittelt gegen die Festivalspitze

Die „Walküre“ 2017: Szene aus dem dritten Akt in der Rekonstruktion.

In die größte Krise seit seinem Bestehen geriet das Festival 2009. Als die Justiz gegen Geschäftsführer Michael Dewitte und den Technischen Direktor der Festspiele, Klaus Kretschmer, wegen Untreue ermittelte (die Haftstrafen wurden vor einem Jahr sogar verschärft), als auch noch die Berliner Philharmoniker mit Rattle den Lockrufen der Baden-Badener Osterfestspiele erlagen, stand das Salzburger Spektakel vor dem Aus.

Nur mit Mühe und trotzdem innerhalb kürzester Zeit war prominenter Ersatz gefunden. Sogar der bestmögliche: Mit Christian Thielemann, der seine Staatskapelle Dresden mitbrachte, war ein neuer Darling und Magnet gefunden. Einer, der wie ein Zeitreisender aus guten alten Klassikjahren in Salzburg sein Osterquartier bezog. Ein Verfechter der Tradition. Das Gegenteil eines Publikumsschrecks. Ein Rundum-Wohlfühl-Dirigent, dessen Pläne für die nächsten Jahre Vorfreude bei der entscheidenden Klientel wecken dürften. Von „Tosca“ und „Meistersingern“ wird geraunt. Die Kreditkarten werden bald glühen.

Lesen Sie hierzu auch unser Interview mit Christian Thielemann.

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