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Die schräge Revue als letztes Mittel: Anton Scharinger im Goldlöckchenkleid als Mutter Agata.

Zurcher Opernpremiere: Im hochtourigen Leerlauf

Zürich - Gerade hat er München mit Premieren förmlich überschwemmt, da geht er schon fremd. Martin Ku(s)ej, neuer Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, inszenierte fürs Opernhaus Zürich zwei komische Donizetti-Einakter. Er sollte lieber bei Tragödien bleiben.

Donizetti selbst hing die Sache nicht zu hoch. Als „Farsa“ bezeichnete er beide Stücke, als Farce, gedacht für Benefizabende, die ihm Extra-Geld in die Kasse spülen sollten. Welch Tiefstapelei. „I pazzi per progetto“ („Verrückte nach Plan“) ist eine Parodie auf Donizettis eigene Gruseldramen inklusive Seitenhiebe auf Kollege Rossini. Und „Le convenienze ed inconvenienze teatrali“ („Bräuche und Missbräuche am Theater“), bei uns besser bekannt in der zweiaktigen Fassung als „Viva la mamma“, blickt lustvoll in die Abgründe des Backstage-Wahnsinns.

Ein Irrenhaus also, hier wie dort. Und dass Ku(s)ej beide Stücke verknüpft, versteht sich von selbst: Während sich vorn die Handlungsfäden von „I pazzi“ unrettbar verknäulen, geistern hinterm riesigen Gitter der Irrenanstalt die Figuren aus dem ersten Teil umher - schwer Traumatisierte, vielleicht auch Ruhiggespritzte, sich und der Welt abhanden gekommen.

An dieser Scharnierstelle, wo sich Tragik und Farce berühren, wo Abartiges im hellen wie im dunklen Sinne ineinander greift, da glimmt eine Möglichkeit auf: Ja, genau so hätte Ku(s)ej seine Sache weitertreiben können. Doch der Kärntner, sonst auf Prankenhiebe und geerdetes Krafttheater geeicht, kann mit Donizettis Humor wenig anfangen. Da hat ihm sein Vorgänger am Staatsschauspiel dann doch einiges voraus. Schimmerte bei Dieter Dorn selbst im Tragödienernstfall immer der Boulevardwitz durch, bringt es Ku(s)ej bei der Komödie allenfalls zum verkrampften Lächeln.

Vor allem „Le convenienze“ ist in Zürich wenig mehr als eine Handwerks-Demonstration. Alles entwickelt sich aus einer stummen Probensituation. Das Orchester sitzt in Zivil im Graben, Dirigent Paolo Carignani eilt im hautengen, orangefarbenen T-Shirt herbei. Und Ku(s)ej liefert Beschäftigungsprogramme: Für den Chor erfindet er (zu) viele kleine Geschichten, überhaupt läuft ständig irgendetwas neben der (ohnehin komplizierten) Haupthandlung her. Dafür wird Anton Scharinger als la Mamma nicht zum Tuntentransentum verdammt: Seine Hot Pants plus Lederjacke lassen eher an la Papa kurz nach der Geschlechtsumwandlung denken - bei der auch einiges an Baritonglanz flöten gegangen sein muss.

Kollege Massimo Cavalletti als Diva-Gatte Procolo ist dafür ein Naturkomiker. Das Timing ist perfekt, sein Arien-Versuch mit knapp verfehlter Intonation herrlich. Der Rest ist Klischee: Christoph Strehl gibt mit schöner Liedstimme den Tenor-Loser, Gezim Myshketa den selbstverständlich zerzausten Maestro und Morgan Moody den - ganz klar - alkoholisierten Poeten. Die Absätze der Damen sind so scharf wie ihre Stimmen. Und als die ultimative Probe fürs fiktive Stück naht, greifen Ku(s)ej und seine Ausstatter zum letzten Mittel der Flitterrevue mit Mamm’Agata im Goldlöckchenkleid.

Je mehr die Aufführung im hochtourigen Leerlauf erkaltet, desto mehr gefrieren auch im Zürcher Parkett die Mienen. Und an einer Entwirrung von „I pazzi“ nach der Pause versucht sich Ku(s)ej gar nicht erst. Martin Zehetgrubers neonhelles Irrenhausfoyer lädt immerhin ein zu Surrealem. Paolo Rumetz ist als schlurfender Wärter ein Hans-Moser-Wiedergänger, am Ende dringen Bananenstauden in den keimfreien Raum. Wieder der Griff in die Routinekiste - wie es eben so aussieht, wenn Natur und Triebe siegen.

Wer in diesem Einakter abräumt, ist Eva Liebau als Norina. Mit frostigem bis gleißendem Koloraturenzauber führt sie ihre Diven-Parodie vor. Die Kollegen, obgleich (vor allem Ruben Drole als Eustachio) mit Komödienpotenzial ausgestattet, lässt Ku(s)ej ungebremst von der Leine. Wie man Pointen lässig, fast nebenbei platziert, demonstriert ein anderer: Paolo Carignani. Der hält zwar musikalisch Kontakt zu den Solisten, scheint aber mit dem munteren Orchester wie entkoppelt vom Bühnengeschehen. Kurz vor dem Ende wird die szenische Brechung nachgereicht: Nach Kurzschluss und Lichtausfall sagen alle ihren Text wie entgeistert auf, bevor Carignani das Finale (partitur-widrig) im Pianissimo versickern lässt. Wenigstens taugt der Zürcher Fastfood-Abend als Regie-Benefiz. Ganz im Sinne Donizettis.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen:

heute sowie am 1., 2., 4. und 7. Januar;

Telefon 0041/ 442 68 66 66.

Die Besetzung

Dirigent: Paolo Carignani. Regie: Martin Ku(s)ej. Bühne: Martin Zehetgruber. Kostüme: Heide Kastler. Chöre: Jürg Hämmerli. Darsteller: Jessica Nuccio (Daria), Anton Scharinger (Agata), Massimo Cavalletti (Procolo), Gezim Myshketa (Biscroma/ Venanzio), Christoph Strehl (Guglielmo), Thomas Lichtenecker (Pippetto), Paolo Rumetz (Theaterdirektor), Davide Fersini (Darlemont), Eva Libau (Norina), Katharina Peetz (Cristina), Ruben Dorel (Eustachio), Cheyne Davidson (Blinval), Ruben Drole (Eustachio) u.a.

Die Handlung

Le convenienze... Eine Opernprobe. Agata, Mutter der seconda Donna, fordert für ihre Tochter eine Bravour-Arie. Ein Streit bricht aus. Der Kastrat reist ab, la Mamma übernimmt die Rolle, der Tenor flüchtet. Für ihn springt Procolo, Gatte der Primadonna, ein. Er und Mamm’Agata sind so schlecht, dass man die Premiere verbietet. I pazzi... Oberst Blinval und seine Frau Norina treffen sich nach Jahren der Trennung im Irrenhaus wieder. Beide werden von Eifersucht geplagt. Um vermeintliche Nebenbuhler loszuwerden, spielen sie dem Partner vor, verrückt zu sein. Große Verwirrung. Vor allem, als Cristina, Ex-Geliebte des Oberst, auftaucht. Sie will ihrem Vormund entkommen, der sie für irre erklären lassen möchte, damit er an ihr Geld kommt.

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