Zurück in die Fünfziger

- Im kommenden Sommer erhält er den Ritterschlag: Er inszeniert erstmals bei den Salzburger Festspielen - und zwar Kleists "Penthesilea". Bis dahin muss sich Stephan Kimmig (Hamburg, Wien, Berlin) mit etwas geringeren Autoren abgeben. Etwa mit Ibsen, der schließlich auch nicht der schlechteste ist, dessen "Hedda Gabler" er als nächstes am Hamburger Thalia Theater inszeniert, und mit Enda Walsh, von dem er jetzt an den Münchner Kammerspielen eine Uraufführung herausbringt: "The New Electric Ballroom" - das szenische Erinnerungsritual dreier Schwestern und eines Fischhändlers.

<P>Es spielen Hildegard Schmahl, Barbara Nüsse und Annette Paulmann sowie Hans Kremer. Am Donnerstag ist Premiere im Schauspielhaus.</P><P>Für Kimmig ist dies die erste Arbeit in München. Es bestünden schon eine ganze Weile Gespräche zwischen ihm und Intendant Frank Baumbauer. "Er hat mir das Stück in seiner Erstfassung zu lesen gegeben, da habe ich sofort zugegriffen. Ich habe schon ein paar Uraufführungen gemacht in meinem Leben. Ein Glücksfall, dass diese jetzt noch frei war."</P><P>Denn dieses Stück hält Kimmig für etwas ganz Besonderes: "Enda Walsh hat hier geschafft, was seit Jahren kein anderer Dramatiker mehr geleistet hat: Er schreibt Figuren mit ungeheurer Tiefe und voller, daraus resultierender Geheimnisse. Und er dockt mit seinem Stück an an das unsichere Lebensgefühl sehr vieler Menschen heute."</P><P>Für Kimmig die interessante Frage: Was ist in Zeiten der Globalisierung eine Biografie noch wert? "Früher", so der Regisseur, "konnte zum Beispiel ein Bankangestellter sagen, er werde diesen Beruf sein ganzes Berufsleben lang ausüben. Heute gibt's diese Gewissheit nicht mehr. Heute muss sich jeder immer wieder neu erfinden."</P><P>Oder sich wie die Schwestern rückerfinden, indem sie Tag für Tag selbstquälerisch die vor 45 Jahren erlebten Abenteuer ihrer Mädchenzeit nachspielen - Tanzen gehen und den ersten Kuss, die erste Liebe und die erste Enttäuschung. Inzwischen fürchten die faltenreichen Grazien von einst den Spott ihrer Mitwelt, haben sich eingekapselt in ihrem Haus und leben mit dem Terror der Erinnerung.</P><P>Enda Walsh, meint Kimmig, habe nicht nur ein sehr aktuelles, zeitgenössisches Stück geschrieben. Sondern darüber hinaus noch eins für ältere Schauspielerinnen. Kimmig: "Es ist doch eine solche Frechheit, dass es für derartige Kaliber von Frauen wie es die Schmahl, Nüsse und Paulmann sind, kaum etwas in der zeitgenössischen Literatur gibt. Dass nun ein junger Autor in diese Lücke stößt, finde ich wunderbar. Und ich finde es toll, dass man hier etwas über Liebe erzählt bekommt von diesen Alten. Und: dass wir zusammen mit ihnen sozusagen eine Zeitreise unternehmen zurück in die Fünfziger."</P><P>Die Schwestern leben mit ihren Erinnerungen und durch sie. Dass diese der Wahrheit entsprechen, bezweifelt Kimmig nicht. Obwohl er weiß, dass das erinnerte Bild nicht stimmen muss. Denn Erinnerung ist ein Thema des Alters. Woran der 45-Jährige selbst zurückdenkt? "Zum Beispiel daran, wie ich vor zwölf Jahren in Graz zwei sehr alte Menschen über die Straße wackeln sah und ich mir plötzlich bewusst wurde, dass dieses Schicksal unausweichlich ist. Seit diesem Moment denke ich darüber nach - was kommt, was bleibt."</P><P>Bleiben wird das Theater. Und kommen, ist Kimmig überzeugt, wird ein neuer Stil. Nach seiner Meinung hat das "Identifikationstheater", als dass er per Theorie das von Peter Stein, Luc Bondy, Andrea Breth oder Dieter Dorn versteht, ausgespielt: "Wichtig ist," - der alte Brecht lässt grüßen - "dass der Schauspieler neben der Figur, die er darstellt, seine eigene Persönlichkeit aufscheinen lässt - als Vertreter seiner selbst und der jeweiligen Produktion. Der Zuschauer sollte mit seiner Fantasie immer noch dazwischen kommen - zwischen Rolle und Mensch." </P>

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