Zurück zur Komödie

- Gefühlsmäßig war uns die Sache doch längst klar: Der Sopran kriegt den Tenor und der Mezzo den Bariton. Oder sollten sich nicht lieber die ursprünglichen Paare mit Eheringen versorgen? Oder ist das Wer mit Wem im Grunde herzlich egal? Zumal Wolfgang Amadeus Mozart und Librettist Lorenzo da Ponte gar keine eindeutige Lösung anbieten - was die herbeieilende Inspizientin nach kurzer Debatte (Alfonso: "Ja wer heiratet jetzt wen?") zugeben muss und was Ferrando und Guglielmo ein schwules Miteinander samt lauem Wowi-Scherz ("Das ist auch gut so") eröffnet.

Gefährliche Schieflage

Nach vier Stunden offenbart sich da vollends eine Modellhaftigkeit, auf die Regisseur Peter Konwitschny die ganze Zeit abgezielt und die seine "Così` fan tutte" vor der Pause in eine gefährliche Schieflage gebracht hatte. Viel hatte man von dieser Inszenierung an der Komischen Oper Berlin erwartet, vor allem von einem Regisseur, der wie kein zweiter die Gefährdungen und Verlogenheiten von Beziehungen entlarven, dies dabei noch mit souveräner Analyse der Partitur ablauschen kann. "Così`", das müsste demnach die ideale Aufgabe für Konwitschny sein, der im Februar nach langer Zeit mit Wagners "Fliegendem Holländer" an die Bayerische Staatsoper zurückkehren wird.

Mag's bei Kollegen angesagt sein, Mozarts Oper in die Psycho-Tragödie driften zu lassen, so betreibt Konwitschny eine Art Re-Komödisierung des Stücks. Vier unerfahrene, die Amouröses noch als zweite Stufe von Sandkastenliebe sehen, die also eine Puppe des/der Angebeteten mit sich schleppen und alles nur als munteres Spiel begreifen, werden da im emotionalen Bad gestählt, um am Ende zu Einsichtigen zu reifen. Wer sich dann wen nimmt, ist tatsächlich nur noch zweitrangig - allein die Erkenntnis zählt.

Um indes diese Fallhöhe herzustellen, inszeniert Konwitschny einen irritierend überdrehten, klamaukigen ersten Akt. Vor barock anmutenden Prospekten (Bühne: Jörg Koßdorff), vor Wölkchen in Weißblau und in wuchernder Natur à` la Henri Rousseau, wird da reichlich Geschirr zerdeppert und mächtig chargiert, läuft auch mancher Gag ins Leere, was einen dann doch am Stilempfinden des Regisseurs zweifeln lässt. Denn Mozarts Musik ist ja nicht nur grundierender Kommentar, sondern genaue Charakterisierung, unterstellt also ein tiefgründigeres, empfindsameres Personal als jene Figuren, die Konwitschny da über die Bühne schnurren lässt.

Im zweiten Akt freilich, als es mit der Überkreuz-Liebe ernst wird, berührt die Inszenierung endlich. Wenn die Damen ihre Männerpuppen weggepackt haben, wenn sich die neuen Paare auf dem "Vulkan der Liebe" begegnen (so die humorvoll-flotte Neuübersetzung von Werner Hintze und Bettina Bartz), wenn aus dem spiegelnden Bühnenboden Dampf aufsteigt und wenn die seelischen Verletzungen mit klugen, der Musik abgelauschten Bildern und in genau abgezirkelter Körperhaftigkeit vorgeführt werden.

Auslöser des fatalen Experiments ist zwar Don Alfonso. Doch bei Konwitschny ist das kein zynischer Strippenzieher, sondern ein blasser Mann in Schwarz, der eine eigentümliche Traurigkeit ausstrahlt, der vielleicht all das, was Ferrando und Guglielmo durchmachen, schon selbst erlebt hat und dessen wiederholt scheiternder Suizidversuch mit der Pistole den tiefen Frust über jenes "So machen's alle" sichtbar werden lässt. Dietrich Henschel gestaltet das mit großer Eindringlichkeit und fahler Vokalität, eine faszinierende Charakterstudie, die ihn ins Zentrum des Abends rückt. Und das, obwohl fast jede Rollenbesetzung vom hohen Mozart-Niveau des Hauses kündet. Maria Bengtsson singt die Fiordiligi zwar mit vorsichtiger, zugedeckter Tongebung, und Johannes Chum (Ferrando) unterläuft manch unebene, nicht gleichmäßig flutende Phrase, doch dürfte sich das nach dem Premierenstress wieder ändern. Stella Doufexis hat alles, was man sich von einer Dorabella wünscht: feinen Humor, eine blendende Erscheinung, dazu eine facettenreiche, ungekünstelte, in jeder Lage leicht manövrierfähige Stimme - eine ebensolche Idealbesetzung also, wie Michael Nagy, dessen wohlgerundeter Bariton jeder Affektsituation gehorcht, und Anne Bolstad, eine jener typisch herben, gar nicht so kammerkätzchenhaften Despinas. Imponierend, wie Dirigent Kirill Petrenko der Regie seine Akzente entgegensetzt, damit stellenweise sogar das Geschehen dominiert. Eine Interpretation, die etwa das Quintett des ersten Akts wundersam abtönt, die aber ansonsten mit scharfkantigem Profil, trockenem Furor und einer herzhaften Rhythmik überzeugt.

Trotz manch bemühter Szene, und das erhebt die bejubelte Produktion dann doch über viele andere, ist der gemeinsame Einsatz spürbar. Die Entschlossenheit, mit der sich da Sänger und Musiker in ein Konzept hineinwerfen und dank derer Ärgerliches ausgebügelt wird. Denn auch das zeichnet mittlerweile einen Konwitschny-Abend aus: nicht nur das totale Theater, die 150-prozentige Intensität, sondern auch Einfälle (das Unterbrechen der Musik, das Heraustreten aus der Stück-Ebene), mit denen der Regisseur Erwartungshaltungen bedient. Dabei hätte er Masche statt Stil eigentlich gar nicht nötig.

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