1860 trauert um „Atom-Otto“

1860 trauert um „Atom-Otto“

Zurück ins Matriarchat

- Ohrstöpsel am Einlass ­ eine Absurdität in sich. Man geht doch ins Theater, um zu hören. Fakt ist heute: Wo die Kunst schwach, muss die Technik extra stark sein. Dabei hatte man den Inder Jayachandran Palazhy mit großer Spannung erwartet.

Die Münchner Muffathalle denn auch knackevoll. Dann das! Auf Rückwand und Tanzfläche in schwindelerregendem Tempo sich multiplizierende Linien, ameisige Kribbelhaufen, sausende Karo-Reihen, Fische, Kleckse, Tänzerschattenrisse. Hundert nicht zu ortende Motive kraut-und-rübig durcheinander und ohne Ende, akustisch umdröhnt ­ eine einzige digitale Stalinorgel von dem Japaner Kunihiko Matsuo. Palazhys steril konfektionierter Indo-Modern-Dance-Mix gibt nur ein weiteres schal visuelles Muster ab. Bei aller freudigen Anstrengung seines attraktiven Attakkalari-Ensembles, die Frage nach dem "Sinn des Lebens", die der Titel "Purusharta" nahelegt, blieb unbeantwortet.

Und es braucht so wenig, um sich ihr zu nähern, wie man bei der Mal-Pelo-Coleiterin Maria Munoz mit ihrem Solo zu Bachs "Wohltemperiertem Klavier" erlebte: Musik tief in ihrem Körper zu hören und sie dann, gefiltert durch ihre Erfahrung, ihre Persönlichkeit, ihre Kultur wieder als Tanz nach außen zu lassen, ist für sie eine unabdingbare Notwendigkeit. Ihr Tanz ist sie selbst, ist der Sinn ihrer Existenz. Und wenn sie, streng im schwarzen Anzug, Bach als inneren Dialogpartner empfindet, als beengende Fessel, als kinderleicht beschwingende Melodie, dann sehen wir in ihrem Tanz, ohne dass er je illustrieren würde, Goyas herbe Frauenporträts, den durch die Mancha ziehenden Don Quixote, Bernarda Albas gezügelte Töchter und Andalusiens Flamenco. Munoz, in ihrer fast männlich strengen Körpersprache eine Enkelin der deutschen Ausdruckstänzerin Dore Hoyer.

Nach dieser sensibel-eindringlichen Sternstunde im i-camp zum Carl-Orff-Saal, wo man in das Wechselbad von Jan Fabres "Quando l'uomo principale è una donna" geworfen wurde. Angekündigt war dieses Solo "als rituelle Vorbereitung für den Sprung zurück ins Matriarchat". In gewissem Sinn ist Fabres "Wenn der erste und maßgebliche Mensch eine Frau wäre" jedoch die Kehrseite von dem zum Dance-Auftakt gesehenen St. Pierre. Bei ihm sehnten sich die Frauen nach zärtlichen Partnern, bei Fabre ist Single-Dasein für Frau das wahre Paradies. Auf ihrer Solo-Party nippt sie Schampus, trällert "Volare", tanzt mit den Rauchschleiern ihrer Zigarette. Und als Gesellschafter hat sie Peter, Thomas und Hans ­ drei Stahlkugeln, mit denen sie artistisch jongliert, im Mund oder in ihrem Höschen verschwinden lässt. Sung-Im Her macht das alles mit ultimativer tänzerischer Anmut und mit dem nötigen Schuss ironischer Distanz. Am Ende flutscht und schlittert sie über die jetzt mit Öl bedeckte Bühne, hellschimmernd modelliert wie die aus Meereswellen aufsteigenden Bond-Girls. Der belgische Allrounder hat hier vor allem als Bildender Künstler gearbeitet, dicht an Playboy-Glamour und plakativer Werbeverführung. Wunderschön-süffig.

7. und 8. 11.: Fabres "Angel of Death", Muffathalle, Tel. 089/\x0f54 81\x0f81\x0f81

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