Osterfestspiele: Zurück in seligen Zeiten

Salzburg - Die Salzburger Osterfestspiele sind in eine neue Ära gestartet: Mit Standing Ovations wurde Christian Thielemanns detailwütiges „Parsifal“-Dirigat gefeiert, während Regisseur Michael Schulz fast nur Buhs kassierte.

Ja, bei Wagners „Parsifal“ kommt noch eine zweite Pause. Und nein: Während des Vorspiels wird nicht übers Dinner getuschelt. Außerdem: Mit Handy-Licht den Text mitlesen, das tut man nicht. Der Welt teuerste Gala-Gemeinde bleibt zugleich ihre bizarrste. Wenigstens hat sie nun einen neuen Darling. So viel warmherziger Jubel schlug Simon Rattle die vergangenen Jahre nicht entgegen. Aber mit seinem Nachfolger als künstlerischer Leiter sind bei den Osterfestspielen seligste, goldene Zeiten zurückgekehrt: 1980 assistierte Christian Thielemann seinem Mentor Karajan beim Salzburger „Parsifal“, jetzt befehligt er selbst das Stück samt Festival.

Weil das Gründungsorchester, die Berliner Philharmoniker, im Zwist nach Baden-Baden gezogen ist, sitzt im Graben nun Thielemanns Dresdner Staatskapelle. Ein Gewinn. Während die Berliner ihre großsymphonischen Allüren eigentlich nie ablegten und die Sänger im Klang ertrinken, versinken ließen, sind die Dresdner und Thielemann erfahrene Opernmusiker. Mit Hang zum Imponiergehabe – aber eben nur dort, wo’s passt.

Ein Etikett für Thielemanns „Parsifal“ gibt es nicht. Vorspiel und weite Teile des ersten Akts werden durcheilt. Mit Recht: Hier ist Wagners letztes Opus eben keine Weihefeier, sondern Konversationsstück. Gurnemanz, der anfangs schönstimmige, textbewusste, dann zunehmend kleinformatige Stephen Milling, muss nicht salbadern, sondern darf tatsächlich erzählen. Während sich die Kollegen dann im Mittelakt von der Grals-Anbetung mit dankbarem Furor erholen, packt Thielemann das Mikroskop aus. So differenziert, so hinterfragt, so behutsam abgeschmeckt (und auch so gedehnt), so überscharf im Klangabbild kennt man die Geschehnisse in Klingsors Zaubergarten kaum.

Sehr gestisch wird da die Musik – und in keinster Weise von der Szene beantwortet. Thielemanns Analyse, die zur differenzierenden Regie einladen würde, läuft ins Leere. Nicht nur weil es so gar nicht zwischen Michaela Schuster als Kundry und Johan Botha als steifbeinigem Parsifal-Gebirge funkt. Es liegt auch am (zu) offenen Konzept von Regisseur Michael Schulz. Was er sich als Andeutungen denkt, als verrätselte Installation (unterstützt von Ausstatter Alexander Polzin), driftet in die Beliebigkeit.

Schulzens Schutzanzug-Ritter, offenbar gerade noch in Fukushima im Einsatz, wandeln im ersten Akt zwischen rauchgefüllten Plexiglassäulen. Die Reste von Gottheitsstatuen hängen und stehen in Klingsors Zaubergarten, am Ende hausen die Protagonisten auf einer Eisscholle: letzte Überlebende einer erfrorenen Gemeinschaft? Aber da gibt es ja noch Dopplungen. Klingsor, den Wolfgang Koch ebenso wie den Amfortas mit hochpräziser, nie zu drastischer Expression singt, hat einen kleinwüchsigen Wiedergänger, den Kundry erwürgt. Und da ist dieser Heiland, McFit-gestählt, der stumm umhergeht, zur Ersatz-Erotik anstelle des neutralen Parsifal verdammt und begleitet von einer schwarzen Figur in Ganzkörperstrumpfhose. Im dritten Akt, wenn Kundry getauft wird, entblättert sich der Mann zu Jesus II, bereit zum Happy End mit ihr. Doch die Ritter dulden das nicht. Der Erlöser wird mit Wundmalen versehen und Kundry, nur hier wird es hintergründig, zur Büßerinnen-Pose gezwungen: „Parsifal“ als Studie über Frauenfeinde und Bigotte, das hat aber Peter Konwitschny in München zugespitzter, klüger erzählt. Immerhin: Was der Gral eigentlich ist, diese Frage bleibt aufreizend offen. Einer nach dem anderen starren die Ritter in Amfortas’ kleine Truhe: alles nur billiger Schachtelzauber?

„Parsifal“-Material ist das alles. Wie entrümpelter Schlingensief. Für eine ausgefeilte Inszenierung hätte es mehr Durchdenken (oder Zeit) gebraucht. Und für die wohl scheußlichsten Kostüme seit der Uraufführung einen Stilberater. Die Chorauftritte aus den Parketttüren des Großen Festspielhauses sind billiges Oratorium, dafür großes Dolby-Surround-Kino, imponierend gemeistert von den Mannen der Semperoper und der Bayerischen Staatsoper.

„Parsifal“, Wagners einziges für Bayreuth erdachtes Mischklang-Stück, ist ja in Salzburg zur Klangtrennkost verurteilt. Thielemann kaschiert das nicht, sondern geht in die Offensive. Bis zum versteckten Horn-Triller ist alles zu hören. Alle Zutaten, alle Schichtungen, auch in den Verwandlungsmusiken, die so verzweifelt wie großartig dröhnen. Vor allem im Schlussakt dröselt der Hausherr Wagners Gespinst verblüffend auf. Dazu braucht er langsame Tempi, was Johan Botha dann doch in Bedrängnis bringt.

Gewohnt mühelos singt der ansonsten, mit einem Tenor, der sich von Lyrischem bis zu Heldischem bruchlos hochpegeln lässt. Und doch bleibt Botha, szenisch so kaltgestellt, blass. Anders als Michaela Schuster, die mit nie übersteuertem Mezzo und risikolustig den Muster-Vamp gibt und ihre Mucki-Heilande gern bezirzt. Erleichterung schwingt beim Schlussjubel mit: Tradition ist, wenn im Graben Gutes geschieht. Bedeutung über Salzburgs Stadtgrenze hinaus haben Oster-Inszenierungen ohnehin nie erlangt.

Markus Thiel

Weitere Vorstellung:

1. April, www.osterfestspiele-salzburg.at.

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