Studierte bereits mit 16 Jahren in München: Vivi Vassileva.

Zuschlagen für den Sieg

München - Beim ARD-Musikwettbewerb treten am Mittwoch die Schlagzeuger zum Finale an. Wir sprachen mit einigen Talenten.

„Ob ich es ins Semifinale schaffe? Ich weiß es nicht. Aber ich hatte Spaß beim zweiten Durchgang und war ganz ich selbst. Wenn es nicht klappt, gönne ich mir heute Abend einen Drink. In München natürlich ein Bier“, sagt der Schlagzeuger Garrett Mendelow und schmunzelt.

Doch das Bier muss warten. Denn der 24-jährige Amerikaner hat mit seinem sehr persönlich geprägten Spiel die Juroren des 63. Internationalen Musikwettbewerbs der ARD in München überzeugt. Heuer sind neben den Schlagzeugern, die vor sieben Jahren zuletzt dabei waren, Cello, Klavier und Bläserquintett bei diesem renommierten Nachwuchswettstreit gefragt. Mit 519 Anmeldungen aus 50 Ländern und von allen fünf Kontinenten erreichte der ARD-Wettbewerb heuer zudem einen Rekord. 312 Instrumentalisten und Ensembles wurden zugelassen, allein 45 im Fach Schlagzeug.

Zu ihnen gehören auch Vivi Vassileva und Emil Kuyumcuyan. Die im Spiel wie im Gespräch sportlich-lockere, souveräne und natürliche Musikerin hat ebenfalls den Sprung ins Semifinale gepackt. Sie punktete nicht nur mit der Klangvielfalt des Marimbaphons, sondern auch im intimen Umgang mit der arabischen Rahmentrommel.

Genau dieser Vielfalt der Klänge verfiel das achtjährige, aus einer bulgarischen Musikerfamilie stammende Mädchen am Strand ihrer Heimat, wo Profis und Hobbymusiker Urlaub machten. Mit 16 Jahren wurde die in Hof geborene Vassileva Jungstudentin bei Peter Sadlo an der Münchner Musikhochschule. Jetzt muss sich ihr Professor als Vorsitzender der Jury natürlich enthalten, wenn es um seine Schülerin geht.

Aber die junge Schlagzeugerin hat viel von ihm gelernt und weiß: „Wenn alles stimmt, Partitur, Technik, kann man noch ein Universum oben drauf setzen.“ Gegen die geigende Übermacht in der Familie (Vater, Bruder, Schwester; ihre Mutter ist Pianistin) setzte sie ihr Schlagzeug, „das in allen Musikrichtungen gefragt ist“. Die 20-Jährige schwärmt davon, wie sehr sie sich bei der Vorbereitung auf den ARD-Wettbewerb entwickelt habe. Natürlich ist es ihr Traum, im Finale mit ihrem Lieblingsorchester, dem BR-Symphonieorchester, zu musizieren. Dennoch, oberstes Ziel für Vassileva ist, „eine echte, stabile Musikerin zu werden, die weiß, was sie will. Die ehrlich zu sich ist und mit anderen tollen Instrumentalisten zusammenspielen kann.“ Obwohl sie später gerne einmal in einem Opernorchester Erfahrungen sammeln möchte, strebt sie – wie viele ihrer Kollegen – eine Solo-Karriere an.

Auch Emil Kuyumcuyan, der in Istanbul geborene Kroate mit armenischen Wurzeln, möchte in einem Orchester musizieren – aber nicht lebenslang. Der 21-Jährige, der seit vier Jahren in Stuttgart studiert, bekennt: „Ich probiere viele Dinge aus, mag es, zu improvisieren und wechsle auch gerne mal zum Jazz.“ Obwohl er nicht zu den Semifinalisten gehört, betont der Schlagzeuger, dass ihm das Studium der schwierigen Wettbewerbs-Stücke viel gebracht habe.

Wie Kuyumcuyan griff auch dessen US-Konkurrent Mendelow im zweiten Durchgang zu François Sarhans Body-Percussion-Stück „Home Work“. Dabei trommeln die Musiker mit den Händen auf Arme, Beine, Gesicht und sprechen einen genau notierten englischen Text. „Ich habe das Stück mit dem Komponisten erarbeitet“, verrät der aus Michigan stammende Mendelow, der Eishockey-Profi werden wollte, aber wegen einer Verletzung als Zwölfjähriger zur Musik wechselte. Jetzt machte er aus „Home Work“ eine sehr persönliche, witzige Performance und gesteht: „Die gelang erst, als ich die Noten beiseite legte.“ Der mittlerweile in Detmold studierende 24-Jährige möchte Lehrer werden und gleichzeitig als Percussion-Performer auf der Bühne seinem Publikum Geschichten erzählen.

Dass das mit Marimbaphon, Vibraphon, Rahmentrommel oder sich selbst als Resonanzraum vorzüglich funktioniert, bewiesen die drei Wettbewerbs-Kandidaten im gut besuchten zweiten Durchgang, aus dem insgesamt sieben Teilnehmer weiterkamen. Für deren Semifinale und erst recht fürs Finale rückt Andreas Regler dann mit großem Gerät an: Der Chef der Firma „SchlagZu“ ließ 50 Tonnen Schlagwerk auf Sattelschlepper ankarren. Als ausgebildeter Schlagzeuger (eine Handoperation stoppte die Musikerlaufbahn) übernahm er die Firma im Jahr 2012. In seinem Lager im Hinterland von Dachau hält Regler 5000 bis 7000 Klang-körper bereit. Etwa 170 unterschiedliche Schlaginstrumente hat er vorrätig. Derzeit ist sein Lager allerdings fast leer. Etliche Firmen haben überdies noch spezielle Instrumente zur Verfügung gestellt. Alles, was „SchlagZu“ deutschland- und europaweit verleiht, steht momentan in der Münchner Musikhochschule.

Und obwohl Andreas Regler, der zuweilen noch als Show-Trommler in Kairo oder Istanbul durch die Räume schwebt, die intimen, minimalen Schlagzeug-Auftritte besonders faszinieren, fürchtet er die Materialschlacht nicht: Die Wettbewerbs-Finalisten haben die große Auswahl und dürfen am Mittwoch zuschlagen.

Von Gabriele Luster

Das Schlagzeug-Finale des ARD-Musikwettbewerbs findet am 10. September, um 18 Uhr, im Münchner Herkulessaal statt.

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