Im Zustand des Umbruchs

- 173, ein Etikett; 10082 mit Blaustift geschrieben, "Eigentum der Bundesrepublik Deutschland" aufgestempelt und noch ein paar Chiffren, die wohl niemand mehr wird deuten können. Die ersten drei Markierungen auf der Rückseite des Porträts von Franz von Lenbach, das Franz von Defregger 1895 gemalt hat, erzählen hingegen einen ganzen Geschichtsabschnitt.

<P>Auf dem schmalen Grat<BR>zwischen Kunst und Alltag</P><P>Aus den Werken selbst, den Vorderseiten also, aber auch aus diesen besonderen Rückseiten hat  Maria Eichhorn, Jahrgang 1962, ihre Installation "Restitutionspolitik" entwickelt. Jetzt ist dieses Werk des Jahres 2003, das aus lauter alten Bildern von Spitzweg bis Slevogt besteht, im Kunstbau des Lenbachhauses zu sehen.</P><P>Dort hat man einen doppelten Coup gelandet. Zum einen kann das Museum eine eigenwillige Künstlerin in in München vorstellen, die mit ihrem Meerwasser-Nebel in einer Galerie und ihrer unkapitalistischen Documenta 11-Aktiengesellschaft (Geldbewegungen sind unzulässig) bekannt wurde. Zum anderen thematisiert es öffentlichkeitswirksam das Problem Raubkunst/ Kunst aus Nazi-Besitz. Sehr wichtig, zumal der Stadtrat kein Geld mehr für die aufwändigen Herkunftsrecherchen gibt. Die Provenienzforschung kann im laufenden Museumsbetrieb nur noch nebenher erledigt werden. </P><P>Eichhorn untersuchte 15 Gemälde und ein Aquarell (wohl nur Weller und Schleich fallen unter Raubkunst) mit Hilfe der Fachkräfte der Städtischen Galerie und der Historikerin Anja Heuß; darunter jenen Defregger, den Hitler besonders mochte. Das Bild gehörte zu circa 350 Arbeiten, die im Münchner Führerbau zusammengestellt wurden, noch bevor der Plan zu dem gigantischen Führermuseum in Linz gefasst worden war. Die niedrige Inventarnummer 173 belegt das. Mit 10082 wurde es (nach dem Krieg) vom Munich Central Collecting Point registriert. In solchen Zentralen waren 11 687 Werke verwahrt, aus den zum größten Teil Raubsammlungen für Linz und denen von Göring und Rosenberg. All die Objekte, die bis in die 60er-Jahre nicht an die Heimatländer, Besitzer oder Erben zurückgegeben werden konnten, blieben als Bestand der Bundesrepublik. Diese gab die Werke als Dauerleihgaben an Museen. Das Lenbach-Bildnis ist seit 1970 im Lenbachhaus.</P><P>Im Kunstbau werden diese Bilder als frei stehende Solitäre präsentiert. Aber nicht versehen mit der Aura des Preziösen, sondern im Zustand des Umbruchs. Die Exponate sind in Halterungen aus billigem Holz montiert, die an Transportkisten erinnern. Auch die Sockel, derb und breit auf dem Boden fußend, passen dazu. Vorder- und Rückseite sind gleich wichtig und in Folge dessen genauso gründlich beschriftet. Dieses vielschichtige Kombi-Objekt, das eben ganz und gar nicht mehr das einzelne Gemälde ist, stellt sich dem Besucher wie ein Grabstein frontal entgegen. Alle "Marterl" zusammen stemmen sich - ästhetisch durchaus raffiniert - gegen die Längsflucht des Kunstbaus. Natürlich ist auch der Genuss am Bild selbst erlaubt: Defreggers knorriger Lenbach, der einen durchdringend anschaut; Grützners bieder-komisches "Bauerntheater in Buch bei Schwaz"; das verführerische Rückendecolleté´e, das Makart faszinierte, oder Spitzwegs humoristisches "Einsiedler und Teufel"-Dramolett. </P><P>Maria Eichhorn balanciert mit "Restitutionspolitik", wie mit ihren anderen Konzepten auch, auf dem extrem schmalen Grat, wo sich Kunst und Alltag treffen, ohne dass dabei die Kunst so langweilig wird, dass der Betrachter einen Gähnkrampf bekommt. In den letzten zehn Jahren dürstete man oft in diesen Steppen. Mit Maria Eichhorns Werk für den Kunstbau bleibt uns das erspart.</P><P>Bis 22. Februar 2004, eine Publikation erscheint nach der Ausstellung, Begleitprogramm und Infos: 089/ 23 33 20 00; www.lenbachhaus.de<BR></P>

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