Zustand des Wartens und Beobachtens

- Das soll sie also sein, die junge Generation der Theaterregisseure. Zumindest 14 von ihnen, teils aufstrebende, teils schon etablierte Theatermacher aus der ganzen Republik, trafen sich jetzt im Münchner Volkstheater zu einem Symposion. Zu einer Standortbestimmung, einem Austausch über Ästhetiken, Themen, Ziele. Christian Stückl, Intendant des Volkstheaters, hatte diese Zusammenkunft vorgeschlagen, im Hinterkopf ein ähnliches Projekt aus dem Jahr 1994, als Stückl damals selbst zusammen mit Andreas Kriegenburg oder Leander Haußmann zur aufstrebenden Regisseurs-Generation zählte.

<P>Nicht ganz zu unrecht ist es Stückl, der nach einer erneuten Standortbestimmung ruft. Denn er ist es, der als Intendant aus der Not eine Tugend macht: Der geringe Etat seines Hauses zwingt ihn dazu, die Arbeit mit sehr jungen Leuten als Konzept zu propagieren. Jorinde Dröse und Florian Fiedler hat er jeweils die Chance einer Inszenierung gegeben. Und wie Fiedler berichtet, ihnen völlig freie Hand gelassen bei der Stückauswahl.</P><P>Heraus gekommen waren dabei Dröses "Was ihr wollt", Fiedlers "Nieder Bayern" sowie sein "Kasimir und Karoline".<BR>Beide Jungregisseure waren natürlich beim Volkstheater-Symposion mit dabei. "Was wollt ihr vom Theater", fragte Anke Roeder, Theaterwissenschaftlerin, Moderatorin der Diskussion und zusammen mit C. Bernd Sucher verantwortlich für die Auswahl der Regisseure. Nun, was wollen sie, die in vielleicht zehn Jahren die deutsche Theaterlandschaft prägen möchten?</P><P>Vierzehn verschiedene Karrieren: Hauke Lanz hat nach dem Studium der Psychoanalyse Werner Schwab inszeniert - auf den öffentlichen Toiletten der Pariser Uni; Laurent Chétouane war eigentlich Ingenieur in Frankreich, bevor er nach Deutschland und zum Theater kam und in diesem Frühjahr "Hermes in der Stadt" in den Münchner Kammerspielen vorstellte.</P><P>Was ihr wollt! Was wollt ihr? Wollt ihr was?</P><P>Die meisten allerdings nahmen ihren Weg über die Regieschulen. Dennoch: Die Vielfalt der Pfade ist offensichtlich. So ist es verständlich, dass sich das Podium lange bei persönlichen Empfindungen und Meinungen aufhielt. Was diese jungen Leute vom Theater wollen, wurde zunächst in pauschale Begriffe gefasst, wie "Asozialität" (Ché´touane), "subjektiv radikale Figuren" (Phillipp Preuss), "Sehnsucht und Schmerz" (Annette Pullen) oder "Stille und Schweigen" (Enrico Lübbe). Jorinde Dröse wiederum möchte unterhalten und an die Emotionen des Zuschauers appellieren und Hauke Lanz "die dunkle, nicht sichtbare Seite des Menschen" erkunden.</P><P>So disparat diese Forderungen an die eigene Arbeit waren, so überraschend kam dann die plötzliche, fast einstimmige Einigung auf eine gemeinsame Ausrichtung, die sich im Begriff der "Mittelmäßigkeit" manifestierte. Nein, man habe kein besonderes Anliegen, keine Utopie und sei auch nicht radikal, bestenfalls "radikal jung", wie Fiedler in Anspielung auf den Titel des Symposions sagte.</P><P>Das war die größte Einsicht dieses Vormittags: dass diese zwischen 1969 und 1978 hier vertretenen Regisseure sich nicht unter Druck setzen lassen; dass sie einer Generation angehören, die sich selbst Zeit gibt - im Zustand des Wartens und Beobachtens, auch der eigenen Arbeit gegenüber. Geduldig nutzt sie die Chancen, die ihr die Intendanten geben, und macht Theater - und sonst nichts.<BR></P>

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