Zum Zwecke der Schönheit

- Er gilt als der jüngste Stern der großen russischen Klavierschule: Konstantin Lifschitz. Geboren 1976 in Charkov in der Ukraine in eine musikliebende Familie, beschäftigte er sich schon als kleines Kind stundenlang improvisierend am elterlichen Flügel. Mit fünf saß Lifschitz in der Vorbereitungsklasse der berühmten Gnessin-Musikschule in Moskau, 1989, gerade 13 Jahre alt, gab er sein erstes "großes" Konzert im Moskauer Konservatorium. Heute ist Lifschitz ein international gefragter Solist, Kammermusikpartner und Liedbegleiter. Morgen, 20 Uhr, spielt Lifschitz im Münchner Herkulessaal Schubert und Liszt.

Sie sind in der Ukraine geboren, haben in Moskau und London studiert. Ihre Eltern leben mittlerweile in Kalifornien, Sie selbst pendeln zwischen Berlin und Moskau hin und her. Ist es schwer, von einer Kultur zur anderen umzuschalten?<BR><BR>Lifschitz: Natürlich kostet es Energie, aber ich sehe es auch als Chance, an so unterschiedlichen Kulturen wie der deutschen und der russischen teilzuhaben. Es ist sogar eine wichtige Aufgabe, mir diese Vielfältigkeit zu bewahren. Zu viel Globalisierung halte ich für keine gute Sache, in der Musik schon gar nicht.<BR><BR>Warum nicht?<BR><BR>Lifschitz: Bei den musikalischen Ausdrucksweisen ist es ein bisschen wie in der Sprachwissenschaft: Es gibt eigenständige Sprachfamilien, eine romanische, eine slawische, eine germanische. Genau so gibt es eine typische Art russischer, deutscher, französischer Musik. Man kann hören, aus welchem Land ein bestimmtes Musikstück kommt, ohne den Komponisten zu wissen. Diese Erkenntnis muss ich bei der Interpretation berücksichtigen: Nur wenn ich mich in die "Nationalität" einer Musik einfühle, kann ich ihr gerecht werden. Eine Nivellierung, bei der man Beethoven genau so spielt wie Tschaikowsky, halte ich für wenig erstrebenswert.<BR><BR>Wie gehen Sie vor, um einem Stück, das Sie neu einstudieren, gerecht zu werden?<BR><BR>Lifschitz: Natürlich muss man einfach üben. Aber die Arbeit begrenzt sich nicht darauf, am Instrument zu sitzen. Für einen Außenstehenden mag die Tätigkeit eines Pianisten sehr angenehm aussehen, nach dem Motto: Drei Stunden geübt, Tagespensum bewältigt, ein leichtes Leben. Aber wenn man ein Stück wirklich wie ein Schauspieler präsentieren will, dann muss man nicht nur viel dazu lesen, sondern man muss damit leben, schlafen, essen. Erst dann kommt es zu einem Prozess, in dem man tiefer und tiefer geht. Es ist, als habe man es mit einem lebenden Wesen zu tun: Manchmal ist es von Anfang an leidenschaftlich, machmal muss man durch viel Qual hindurch gehen. Insofern gibt es kein leichtes Stück.<BR><BR>Hier in München spielen Sie ein reines Schubert- und Liszt-Programm - wie ist es da um Leichtigkeit und Schwere bestellt?<BR><BR>Lifschitz: Es ist ein Programm der Gegensätze: Einerseits Schubert, der introvertierteste aller Komponisten, mit seiner fast buddhistischen Statik, wo es mehr um Zustände geht als um Entwicklungen; andererseits technisch Virtuoses wie Liszts Paganini-Etüden und den Mephisto-Walzer. In Schuberts Wanderer-Fantasie treffen die beiden Extreme - Introvertiertheit und Virtuosität - dann aufeinander.<BR><BR>Was liegt Ihnen mehr am Herzen?<BR><BR>Lifschitz: Mit einem so schlichten Stück wie der kleinen A-Dur-Sonate von Schubert kann man sein Publikum natürlich nicht so beeindrucken wie mit einem Donner-Stück. Aber das finde ich auch nicht so wichtig. Wichtig ist es, die Musik in die Seele der Zuhörer einzupflanzen, nur zum Zwecke der Schönheit. Gerade heute, wo überall Fabriken gebaut werden und die Umwelt gefährdet ist, muss man solche Raritäten beschützen.<P>Das Gespräch führte Andreas Grabner</P>

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